Im Juli habe ich mir einen Wunsch erfüllt und die Galerie Dior in Paris besucht. Die Galerie gibt es erst seit 2022 – sie befindet sich unweit des Stammhauses in der Avenue Montaigne 30, wo Dior seit seiner Gründung im Jahr 1947 sitzt.

Ich gebe zu: Meine Erwartungen waren zwiespältig. Einerseits freute ich mich darauf, dass Dior abseits von Showroom und Catwalk Einblicke in sein Haus gewährt. Andererseits fragte ich mich, ob die Galerie nicht vor allem der Markenpflege dient und weniger der Bewahrung des Erbes von Christian Dior. So viel sei vorweggenommen: Das tut sie. Aber eben nicht nur.

Vor dem Eingang hatte sich bereits eine Schlange** gebildet. Bei der Hitze verteilten Mitarbeiterinnen von Dior Sonnenschirme an die Wartenden. Zwei junge Frauen nutzten die Wartezeit, um ihr Make-up aufzufrischen. Später setzten sie sich vor den Exponaten in Szene und teilten die Fotos vermutlich im Netz. Auch wenn mir diese Form der Selbstinszenierung fremd ist, muss man einräumen, dass Institutionen davon durch mehr Reichweite profitieren. Ob es einem nun gefällt oder nicht: Selfies, bei denen Kunst oder Design zur Kulisse für die eigene Selbstdarstellung wird, gehören inzwischen ebenso selbstverständlich zu einer Ausstellung wie Audioguide oder Museumsshop.

Der Rundgang beginnt mit einem Paukenschlag: dem legendären Bar Suit von 1947. Mit ihm begründete Christian Dior den New Look – und bis heute bildet er den Bezugspunkt, an dem sich alle nachfolgenden Kreativdirektor*innen des Hauses messen lassen müssen. Weitere Räume widmen sich den Hauscodes – den Schleifen etwa und natürlich den Blumen. Immer wieder Blumen. Überrascht hat mich, wie viel Raum die Galerie den Nachfolger*innen Christian Diors einräumt – bis hin zu Jonathan Anderson, der erst seit 2025 Kreativdirektor des Hauses ist. Natürlich hätte ich mir mehr Entwürfe von Christian Dior selbst gewünscht. In der Fondation Azzedine Alaïa hatte ich vor Kurzem sogar mehr Originale seines Werks gesehen. Andererseits kann ich die kuratorische Entscheidung nachvollziehen: Die Galerie Dior versteht sich weniger als Museum ihres Gründers denn als Archiv eines bis heute lebendigen Maison für Haute Couture.

Je länger ich durch die Ausstellung ging, desto stärker drängte sich mir der Eindruck auf, dass die Galerie ganz unterschiedliche Besucher*innen anzusprechen versucht, indem sie verschiedene Erzählungen miteinander verbindet. So erzählt sie von Christian Dior als Gründerfigur, erzählt Modegeschichte – etwa die des New Look oder die Rolle der Abendkleider innerhalb der Haute Couture –, setzt den Arbeitsalltag eines Couturiers in Szene – mit Diors Büro und den Räumen für die Anproben – und schafft schließlich Erlebniswelten, die Besucherinnen in das Universum Dior eintauchen lassen sollen. Dazu gehört das das Treppenhaus füllende „Diorama“, das über tausend Miniaturen ikonischer Entwürfe in allen erdenklichen Farben zeigt – vermutlich das meistfotografierte Motiv der Ausstellung. Die Galerie Dior ist also keine lineare Erzählung über die Person oder Marke Dior, sondern ein Geflecht von Geschichten, das unterschiedliche Erwartungen bedient.

Der Rundgang führte auch am legendären Treppenhaus vorbei, das vermutlich viele von Schwarz-Weiß-Aufnahmen ikonischer Kleider Christian Diors kennen.

So hatte ich mir persönlich Einblicke in die Arbeitsweise eines Haute-Couture-Hauses erhofft – und bin nicht enttäuscht worden. Sehr gelungen fand ich den Saal, der jeweils einen Entwurf jedes Kreativdirektors von Dior zeigte, angefangen bei Christian Dior über Yves Saint Laurent, Marc Bohan, Gianfranco Ferré, John Galliano, Raf Simons und Maria Grazia Chiuri bis hin zu Jonathan Anderson. Dahinter war jeweils ein Foto oder Video zu sehen, das den jeweiligen Designer beziehungsweise die jeweilige Designerin bei der Arbeit zeigte. Während im 20. Jahrhundert der erste Entwurf offenbar gezeichnet wurde, kreierten die jüngeren Designer*innen direkt an der Schneiderbüste. Die Drapierung scheint die Zeichnung abgelöst zu haben. Vielleicht auch nur ein Zufall. Hier hätte ich gern mehr darüber erfahren, ob und wie sich der Entwurfsprozess – oder vielleicht nur seine Darstellung – im Laufe der Jahrzehnte verändert hat.

Was mir ebenfalls besonders gefallen hat, war die Präsentation des Modells „Zélie“, eines Cocktail- und Mantelkleides aus Christian Diors Herbst/Winter-Kollektion 1954/55. Im Hintergrund konnte man in einer Animation verfolgen, wie aus einer Idee Schritt für Schritt ein Kleid wird: von Christian Diors Entwurf über die Umsetzung der Zeichnung als Moulage auf der Schneiderbüste und die Übertragung der Drapierung in einen Schnitt bis hin zum Aufzeichnen auf den Stoff und den einzelnen Nähschritten.

Mein persönliches Highlight war der Saal, der den „Petites Mains“ – den Schneider*innen in den Ateliers – gewidmet war, die aus einer Idee überhaupt erst ein Kleidungsstück machen. Denn ein Kreativdirektor macht noch keine Kollektion.

Nach wie vor gibt es bei Dior das Atelier Flou für Abendkleider und das Atelier Tailleur für die eher strukturierten Kleidungsstücke. Zumindest die Haute Couture wird auch heute noch weitgehend in der Avenue Montaigne gefertigt.

Überrascht hat mich, dass der Nesselstoff für die Moulagen an den Wänden leicht transparent ist. Im nächsten Moment wurde mir auch klar, warum: Beim Drapieren müssen die Markierungen auf der Schneiderbüste schließlich sichtbar bleiben.

In diesem Saal arbeitete eine Schneiderin an einem Bar Jacket. Nachdem sie mir das Fotografieren erlaubt hatte, kamen wir ins Gespräch. Ich fragte sie unter anderem, ob sie mir erklären könne, wie die für das Bar Jacket typische Hüftformung entsteht, die an eine Gitarre erinnert. Darüber wird im Netz viel spekuliert. Dann kam ein kleiner Glücksmoment: Sie zeigte mir tatsächlich die Polsterung der Jacke an der Schneiderbüste, mit der diese charakteristische Silhouette entsteht. Ob ich denn auch Schneiderin sei, weil ich solche Fragen stelle? „Non, c’est seulement une passion.“ Aber eine große.

**Wer die Galerie Dior besuchen und längere Wartezeiten vermeiden möchte, sollte Tickets vorab über die offizielle Website buchen.

Meinen Beitrag verlinke ich beim Monatsspaziergang – es freut mich, nach längerer Blogpause endlich mal wieder bei Heike (3hefecit) zu Gast zu sein.