Zwischen Laufsteg & Lebenswirklichkeit (Teil 3/3)

Es gibt mich noch. Ich nähe auch noch. Nur zum Bloggen fehlten mir zuletzt Zeit und Muße. Da ich für Ende März allerdings vollmundig eine Hose angekündigt hatte, wäre es etwas peinlich, kommentarlos abzutauchen. Vielleicht kommt der Appetit ja beim Essen …

Schnitt

Zur Erinnerung: Ich wollte eine Hose aus der RTW-Kollektion Herbst/Winter 2024/25 von Givenchy hacken. Warum ausgerechnet eine vergleichsweise unspektakuläre Bundfaltenhose? Es gibt schließlich haufenweise Bundfaltenhosen auf dem Schnittmustermarkt.

Die Antwort hat mit Hubert de Givenchy zu tun. Er blieb zeitlebens ein Designer alter Schule: mehr Couturier als Creative Director. Linie, Proportion und Konstruktion waren ihm wichtiger als Inszenierung. Seine besondere Aufmerksamkeit galt dem Zusammenspiel von Schnitt, Stoff und Körper – nicht der Kleidung als Objekt, sondern ihrer Wirkung an der Trägerin.

Als Audrey Hepburn in Sabrina (1954) erstmals Givenchy trug, formulierte der Film diese Idee auf seine Weise: „And you know, even if you cry, you look good in Givenchy.“ Hinter dem Satz steckt mehr als ein Bekenntnis zu einem Couturier. Haute Couture war lange Zeit weniger Markenpflege als Maßanfertigung für reale Frauen – häufig wohlhabend, häufig nicht mehr ganz jung, immer aber mit individuellen Proportionen, Haltungen und Eigenheiten. In diesem Sinne war Design immer auch Passformarbeit.

Genau das hat mich an diesem Projekt interessiert. Die Hose wirkt zurückhaltend, beinahe selbstverständlich. Ihre Qualität liegt nicht im Effekt, sondern in der Art, wie Schnitt und Stoff am Körper zusammenarbeiten.

Denn obwohl ich Bundfaltenhosen mag, habe ich ein ambivalentes Verhältnis zu ihnen. Mitunter kippt die Silhouette vom elegant Lässigen ins Ungelenke, und ich fühle mich nicht wohl darin. Eine Kommentatorin meines letzten Beitrags beschrieb dieses Gefühl als „rollende Konservenbüchse“. Ich wollte also herausfinden, weshalb manche Bundfaltenhosen funktionieren und andere nicht.

Anpassungen, Passform & Schwierigkeitsgrad

Die Hose habe ich auf Basis meines Grundschnitts entwickelt. Obwohl mir die einzelnen Schritte theoretisch klar waren, erwies es sich in der Praxis als deutlich mühsamer als gedacht, zu entscheiden, wo ich wie viel Länge oder Weite hinzufügen, wegnehmen oder umverteilen musste. Vielleicht widme ich diesen Details einmal einen eigenen Beitrag.

Desillusionierend war auch die Erkenntnis, dass selbst bei der Entwicklung auf Grundlage eines gut angepassten Grundschnitts mehrere Probemodelle nötig sein können. Im Vergleich dazu sind RTW-Schnitte durchaus beeindruckend: Sie werden umfangreich getestet und passen vielen Menschen auf Anhieb recht gut. Zwar war mir theoretisch klar, dass ein Maßschnitt nicht automatisch überlegen ist. Etwas anderes ist es jedoch, die Erfahrung zu machen, dass ein Grundschnitt kein Abkürzungssystem darstellt, sondern die Probleme lediglich auf ein höheres Niveau verschiebt.

Stoff

Genäht habe ich die Hose aus einem nachtblauen Gabardine (100 % Schurwolle, 240 g/qm) von Anita Pavani. Lieber wäre mir Schwarz gewesen, allerdings konnte ich keinen Stoff mit vergleichbarer Qualität und passender Grammatur finden.

Gerade bei diesem Projekt wurde mir bewusst, dass mein Schnitt in Bezug auf die Stoffwahl deutlich weniger robust ist als ein RTW-Schnitt. Ich habe versucht, eine sehr spezifische Silhouette für einen sehr spezifischen Körper zu erzeugen. RTW hingegen zielt nicht auf die Konstruktion der besten Hose für einen Körper, sondern einer guten Hose für viele Körper. Also Durchschnitt statt Optimum – was eine beachtliche Leistung ist. Dafür werden nicht nur Bewegungs- und Bequemlichkeitszugaben sowie Balancepunkte großzügiger gewählt, sondern auch Linien entschärft, damit ein Schnitt in unterschiedlichen Stoffen funktioniert.

Die Vorderhosen sind mit farblich passendem Venezia-Futter gefüttert. Für die Taschen, das Hongkong-Finish und die Bindings habe ich einen Jacquard aus Futterviskose verwendet (beides von Idee).

Beim Nähen ist mir übrigens aufgefallen, dass ich nicht mehr auf meine Videokurse von Inge Szoltysik-Hagen zugreifen kann. Offenbar sind sie mit der Insolvenz von Stoffe.de ebenfalls verschwunden. Ärgerlich.

Was gefällt, was nicht? Nochmals nähen? Weiterempfehlen?

Hat sich der Aufwand gelohnt? Jein.

Das Tragegefühl finde ich durchaus besonders. Auf den Bildern wirkt die Hose dagegen maximal unspektakulär. Hinzu kommt, dass sich die konstruktiven Linien – Bundfalten, Hüftpassentaschen und Bügelfalten – in dem dunklen Stoff weder mit dem Handy noch mit der Spiegelreflexkamera vernünftig einfangen ließen.

Bei der Konstruktion des Taschenbeutels ist mir zudem ein Fehler unterlaufen: Auf der Seite des Untertritts muss er über die vordere Mitte hinaus verlängert werden, wenn man ihn in der Schrittnaht mitfassen möchte.

Würde ich die Hose noch einmal nähen? Ja – sobald mir der passende Stoff über den Weg läuft. Zunächst brauche ich allerdings passende Sommeroberteile dazu. Natürlich schwebt mir bereits ein Top mit Peplum vor.

Und damit reihe ich mich auch beim MMM ein. Ich freue mich, mal wieder dabei zu sein.

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19 Kommentare

  1. Dein Text ist wie immer wunderbar zu lesen und gerade deine Anmerkung zur Verschiebung des Niveaus anstatt zur Abkürzung mit einem Massschnitt hat bei mir ein Nicken ausgelöst. Das kann ich mit meinen Blusenversuchen nur bestätigen.
    Ich hätte die Hose auch in genau dieser Farbe genäht, bei den Bildern wünscht man sich allerdings einen gelben Stoff. Aber auch das passt ja wieder zum Givenchy Gedanken, deine Hose zieht nicht laut die Aufmerksamkeit auf sich, sondern strahlt leise.
    Grüße, Tina

    • Manuela

      Herzlichen Dank für das schöne Kompliment – sowohl zur Hose als auch zum Text! Vermutlich gehöre ich mit meinen langen Blogbeiträgen inzwischen zur Dinosaurier-Fraktion des Internets. Umso mehr freue ich mich, wenn sie noch gelesen werden.
      Über die Fortsetzung deiner Blusenversuche würde ich mich übrigens sehr freuen.
      Liebe Grüße, Manuela

  2. Bei dir lernt man ja richtig was … Danke für diesen ausführlichen Blogbericht.

    • Manuela

      Gern geschehen!
      Ich habe bei dem Projekt selbst eine Menge gelernt, was im Nachhinein vielleicht sogar der größte Mehrwert war. LG Manuela

  3. Ja, ist doch schön geworden! Dunkelblau kommt ja auch wieder in Mode, was mir gefällt. Ist natürlich schwer fotografisch einzufangen. So sehr weit wie ich vermutet hatte, dass du es wolltest, ist sie ja gar nicht geworden. Sehr tragbar, aber an der Hinterhose geht noch mehr, wenn man will. Modisch gesehen weiß ich, dass man es heute so hat mit dem Stoff auf dem Boden schleppend, aber ich finde es einfach eleganter nur fast bis zum Boden reichend und dabei hohe Schuhe zu tragen. Das macht mehr Länge. Tja, Hosenkonstruieren ist eben auch eine Wissenschaft und ich denke, dass auch die Industrie viele Versuchsreihen gebraucht hat. Viel Freude an der sehr gelungenen Hose! Regina

    • Manuela

      Dank dir!
      Mit den Absätzen hast du definitiv einen Punkt. Ich würde sogar noch weiter gehen: Sie würden hier nicht nur mehr Länge erzeugen, sondern auch optisch noch mehr Weite vortäuschen. Tatsächlich habe ich die Hose für Absätze konstruiert und nicht vor, sie künftig über den Berliner Asphalt zu schleifen.
      Die Hose hätte allerdings schon im frühen Frühjahr fertig werden sollen. Für die entsprechenden Schuhe war es mir gestern Abend vor dem Regen einfach zu schwül. Ich weiß, nicht besonders schlau, wochenlang in eine Konstruktion zu investieren und dann keine Energie mehr für die Fotos zu haben.
      Liebe Grüße, Manuela

  4. Auch wenn ich die Details auf den Bildern nicht erkennen kann (ist so bei dunklen Hosen), sehe ich doch eine sehr stimmige Silhouette. Die Hose sitzt an der Hüfte sehr gut und auch die Länge finde ich stimmig. Ich gehöre ja nicht zum Typ Probehose ich habe stattdessen in diesem Jahr 3 mir neue Bundfaltenhosen nach gekauften Schnitten ausprobiert und bin mit 2 sehr zufrieden. Ich glaube, der Clou liegt darin, dass sie sehr weit geschnitten sind und so nahezu jede Figur hineinpasst bzw. eine muss nur geringfügig die Falten vorne ein bisschen anpassen. Danke fürs Zeigen.

    • Manuela

      Dankeschön!
      Mit den dunklen Stoffen ist es wirklich schwierig. Umso mehr freut es mich, dass die Silhouette trotzdem erkennbar ist.
      Interessant, dass du mit den gekauften Bundfaltenhosen-Schnitten so gute Erfahrungen gemacht hast. Zwei Treffer aus drei Versuchen sind eine ziemlich gute Quote. Das bestätigt meine Vermutung, dass RTW-Schnitte oft besser sind als ihr Ruf.
      Liebe Grüße, Manuela

  5. Wie schön, wieder einmal von Dir zu lesen. Mir fällt das Bloggen im Moment auch schwer, es gibt so viel im Garten zu tun.
    Ich bewundere Dein Durchhaltevermögen und das Resultat. Sie Silhouette sieht klasse aus, mehr kann man vermutlich nur mit raffinierter Beleuchtung und reichlich Fotoshop sichtbar machen. Deine Überlegungen zum Schnitt und vor allem zum Stoff fand ich sehr spannend. Wenn ein Schnitt erst einmal an die Figur angepasst ist bzw. dafür konstruiert wurde, dachte ich naiv: Das ist es. Aber klar, ich sage nur unterschiedliche Elastizität und unterschiedlich weicher Fall bei Webware.
    Wenn Du einen netten Blusenschnitt suchst, hätte ich einen im Angebot: https://krautundkleid.com/2017/04/07/12-colours-of-handmade-fashion-peplum-in-pink/
    Das Heft kann ich Dir gerne ausleihen.
    Liebe Grüße, Stefanie

    • Manuela

      Vielen Dank für deine lieben Worte – sowie für den Schnitt-Tipp und das Angebot, mir das Heft auszuleihen. Ich werde auf jeden Fall bei deinem Beitrag vorbeischauen.
      Übrigens hattest du in deinem Kommentar zu meinem letzten Beitrag recht. Es lag nicht nur an der Balance, wie ich zunächst dachte, sondern auch daran, dass die Rundungen von Bund und Hosenoberkante nicht ganz zueinander gepasst haben.
      Herzliche Grüße, Manuela

  6. Heute Nacht war ich bereits zu müde deinen Text gebührend zu würdigen, und auch jetzt fällt es mir schwer. Aber nur weil ich ja eher drauf los nähe und bei Schnittkonstruktion immer noch einen Knoten im Hirn habe (eigentlich unverständlich, räumliche Fehler in Bauplänen erkenne ich sofort…). Deine Vorgehensweise hat also meine Hochachtung. Eine Bundfaltenhose aus einem Grundschnitt entwickeln, und dann sitzt sie so wie deine, das ist für mich Können. Und auch wenn es stellenweise anklingt als wäre noch Luft nach oben, ich kann das nicht erkennen. Die Farbe ist dunkel, und Details aufgrunddessen nicht erkennbar, ja, aber der gute Sitz ist erkennbar. Spektakulär unspektakulär würde ich deine Hose nennen.
    Deine Überlegungen zu Maßschnitt und Grundschnitt, und auf die Körper der Kundinnen angepasste Haute Couture Kleider und (nicht nur) Stangenware die für viele Körper funktionieren soll habe ich gerne gelesen. Vor allem in der Burda, aber auch in anderen Nähzeitschriften, fällt mir immer wieder auf dass das genähte Kleidungsstück nicht für den Körper des tragenden Models genäht wurde und nicht richtig sitzt. Auch wenn hier nicht von Haute Couture die Rede ist, ist es doch schade. Ich merke aber auch, dass sich der eigene Körper konstant verändert, und man auch etablierte Schnitte immer wieder neu anpassen müsste. Gar nicht zu reden von unterschiedlichen Stoffqualitäten, die ein und denselben Schnitt ganz unterschiedlich wirken lassen. Wie sich dein gezeigter Hosenschnitt also mit einem weiteren Stoff präsentiert, darauf freue ich mich schon irgendwann zu lesen. Und auch welche Oberteile du für die Bundfaltenhose als Kombination nähen wirst.
    Liebe Grüße heike

    • Manuela

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar – trotz Müdigkeit und obwohl ich aus deinen Zeilen herauslese, dass du momentan viel um die Ohren hast.
      Ich glaube, genau das war eine meiner wichtigsten Erkenntnisse aus dem Projekt: Runway-Looks sind keine Baupläne, sondern Beschreibungen von Wirkungen, die auf die jeweilige Trägerin übersetzt werden müssen. Selbst ein gut angepasster Grundschnitt nimmt einem diese Entscheidungen nicht ab. Körper verändern sich, Stoffe verhalten sich unterschiedlich, und dieselbe Konstruktion kann ganz verschieden wirken.
      Umso mehr freut es mich, dass die Hose für dich gut sitzt.
      Liebe Grüße, Manuela

  7. Nun reihe ich mich auch noch ein in die Kommentatorinnen, die wenig erkennen können, aber die Hose dennoch gelungen finden. Vor allem würde ich den Stoff gerne anfassen, aber so ist es eben mit den Fotos. Ich gehöre ja auch zu denen, die von Bundfaltenhosen nichts halten, weil sie komisch aussehen, wenn man nicht hypergertenschlank ist, um so interessanter fand ich zu lesen, dass es mit der Konstruktion zusammen hängen kann. So ganz klar ist mir noch nicht, woran es nun liegt, warum manche funktionieren und andere nicht. Das mit den Kursen von Inge ist ein Grauen, ich hatte kurz vor dem Löschen davon erfahren und in einer Nacht- und-Nebel Aktion das, was ich hatte mit schlechterer Auflösung herunter geladen, dauerte nicht ganz so lange wie angekündigt, aber es war einfach wahnsinnig kurzfristig, du hast es jetzt gar nicht im Vorfeld erfahren, ich glaube aber, gelesen zu haben, dass Inge plant, die Kurse irgendwie bei sich zu platzieren, denn es steckt ja auch viel Arbeit ihrerseits drin, die jetzt nicht mehr sichtbar ist. LG Anja

    • Manuela

      Herzlichen Dank für deinen Kommentar!
      Die Insolvenz-Ankündigung habe ich tatsächlich verpasst. Soweit ich erfahren habe, lief das alles recht kurzfristig und vor allem über Instagram – dort bin ich nicht unterwegs. Umso beruhigender zu hören, dass Inge wohl plant, die Kurse anderweitig zugänglich zu machen. Noch einmal bezahlen möchte ich sie allerdings nicht.
      Was die Bundfaltenhosen angeht: Ich glaube, eine allgemeingültige Antwort darauf, warum manche funktionieren und andere nicht, gibt es nicht. Viel hängt vom jeweiligen Körperprofil ab. Dieselbe Konstruktion kann an verschiedenen Körpern sehr unterschiedlich wirken. Wenn ich es dennoch verallgemeinern müsste, würde ich sagen: Bei misslungenen Bundfaltenhosen schaut man auf die Falte, bei gelungenen nimmt man eine Linie wahr.
      Liebe Grüße, Manuela

  8. Deine Hose sieht toll aus und steht dir sehr gut.

    LG, Heike

  9. Soweit ich erkennen kann: Du hast Dir eine sehr gut sitzende und gut zu dir passende Hose genäht.
    Vielen Dank für den ausführlichen Bericht dazu. Ich hadere immer mit Bundfaltenhosen und finde sie an mir immer „falsch“, aber vielleicht ist tatsächlich die Konstruktion ein Punkt, den ich mit näher anschauen müsste.

    Zu den Kursen. Ich meine, dass Snaply Stoffe.de übernommen hat, aber ohne die Kundenkonten und daher vermutlich tatsächlich alles weg ist. Wirklich doof, vor allem, wenn die Kunden nicht ordentlich informiert werden.
    LG Miriam

    • Manuela

      Herzlichen Dank für das Kompliment!
      Und danke für den Hinweis zur Übernahme von Stoffe.de durch Snaply. Kurz hatte ich die Hoffnung, dass es ähnlich gelaufen sei wie damals bei Makerist und die Kundenkonten vielleicht doch übernommen worden sind. Nach einem erneuten Blick muss ich allerdings feststellen: Mein Konto ist tatsächlich tot.
      Liebe Grüße, Manuela

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