Zwischen Laufsteg & Lebenswirklichkeit (Teil 1/3)


Couture denken, Alltag nähen.

Vor fast zehn Jahren gab es in der deutschsprachigen Nähblogszene die Aktion Vom Laufsteg in den Kleiderschrank, initiiert von Yvonne (yvonnetsurreal). Die Idee, sich über Runway-Looks nicht nur auszutauschen, sondern sie handwerklich zu durchdringen und in tragbare Kleidung zu übersetzen, habe ich damals als Leserin ausgesprochen gern verfolgt. Mein Projekt knüpft daran an, zugleich ist mein Zugang ein anderer. Das zeigt sich bereits in der Wahl der Inspirationsquelle für mein Patternhacking: einer schwarzen Bundfaltenhose aus der Ready-to-Wear-Kollektion Herbst/Winter 2024/25 von Givenchy – nicht gerade ein Statement-Piece.

Seit 2017 hat sich der Rhythmus der Modeindustrie nochmals deutlich beschleunigt. Das Karussell, in dem die Kreativdirektor:innen bei den Luxusmarken wechseln, gewinnt immer weiter an Geschwindigkeit – nicht zuletzt unter dem Einfluss der Logik sozialer Medien. Designer:innen stehen heute unter dem Zwang, in kürzester Zeit eine erkennbare „Vision“ zu liefern: weniger für die langfristige Entwicklung eines Hauses als für den unmittelbaren Moment.

Das zeigt sich unter anderem in der zunehmenden Theatralisierung des Runways. Große Inszenierungen stellen häufig das Ereignis über die Kleidung: Shows werden zu medial zirkulierenden Spektakeln, während die Kollektion selbst zur Kulisse wird. (Zur Geschichte des Runways gibt es gerade die Ausstellung Catwalk: The Art of Fashion Show; Anja (Nordendnaht) war dort und berichtet hier darüber.)

Kollektionen entstehen zunehmend für ihre Rezeption auf sozialen Plattformen. Wichtiger als die Qualität eines Kleidungsstücks scheint inzwischen seine Bildwirkung zu sein: Wie sieht es im Feed aus? Wie erinnerbar ist es? Lässt sich daraus eine Schlagzeile generieren – geht es viral? Die Logik des Algorithmus bevorzugt das Spektakuläre. Der Wert wird weniger über Material und Verarbeitung begründet als über Sichtbarkeit und Begehrlichkeit im digitalen Raum erzeugt.

Die Ready-to-Wear-Kollektion Herbst/Winter 2024/25 von Givenchy ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert, nicht zuletzt, weil sie ohne Kreativdirektion entstanden ist. Sie wurde vom hauseigenen Atelierteam entwickelt – eine für ein traditionsreiches Modehaus eher ungewöhnliche Konstellation. Das hat sowohl die Gestaltung als auch die Rezeption der Kollektion maßgeblich geprägt. Sie gilt nicht als besonders gewagt, sondern vielmehr als handwerklich orientiert, mit einem starken Fokus auf Tailoring, sprich: Schneiderkunst.

Opulenz spielt keine Rolle. Entscheidend ist eine Eleganz, die aus Maß und Zurücknahme entsteht. Nichts wirkt zufällig, nichts beiläufig. Jedes Teil scheint gebaut, nicht gestylt. Das liegt in der Natur der Sache, da es sich um eine kollektive Arbeit des Ateliers handelt. Im Vordergrund stand erkennbar weniger die Vision einer einzelnen Designerpersönlichkeit als vielmehr die Fortführung der hauseigenen Codes und ästhetischen DNA von Givenchy. (hier die gesamte Kollektion).

Da mich weniger der Effekt als die Konstruktion, weniger das Spektakel als die Schneiderkunst interessiert, ist meine Wahl nicht auf ein auf den ersten Blick identifizierbares „Designerstück“ gefallen, sondern auf diese Hose, die ihre Wirkung aus Proportion und Präzision bezieht. Sie ist eine Verbeugung vor Bespoke. Die Hose ist weit, ohne großzügig zu sein. Lang, ohne lässig zu sein. Präsent, ohne Aufmerksamkeit einzufordern – ihre Zurückhaltung ist kein Zufall.

Sie steht in einer Tradition, die das Haus Givenchy seit seiner Gründung 1952 durch Hubert de Givenchy prägt: Eleganz als Ergebnis von Disziplin, nicht von Effekt. Proportion geht vor Dekor, Linie vor Inszenierung, Konstruktion vor Geste… Charakteristisch ist eine gewisse Androgynität. Kleidung betont nicht, sie formt. Sie will nicht verführen, sondern Haltung zeigen.

Wie geht es nun weiter? Geplant sind drei Beiträge, die den Look vom Laufsteg in meine Lebenswirklichkeit holen: Einordnung – Übersetzung – Zeigen. Drei Termine, drei Perspektiven.

Der nächste Beitrag (um den 15.02.) wird schnitttechnischer. Es geht um die Frage, wie sich dieser Hosenentwurf auf meinen Körper anpassen lässt. Denn Runway-Looks sind keine Schnittmuster. Sie lassen sich auch nicht über Maße erfassen – selbst wenn man sie kennen würde. Es ist eher eine Übersetzung, bei der man Prinzipien extrahiert.

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12 Kommentare

  1. Ich bin ausnehmend gespannt, finde es immer sehr schwierig, Bilder zu übersetzten, wenn man auf dem Bild so wenig erkennen kann. Das Schwarz macht es nicht besser, aber vermutlich hast du schon weiter recherchiert. Der Fall des Stoffes, also die Wahl des richtigen Stoffes macht es bei dieser Hose nicht einfacher. Sie wird super zu dir passen. Vielleicht gibt es in Berlin eine Boutique zur Besichtigung des Originals, das wäre wirklich perfekt. Habe ich mal in Florenz wegen einer Missoni Hose gemacht. Ich habe auch schon mal von jemand gehört, der sich – falls verfügbar – ein Stück bestellt und dann wieder zurück geschickt hat, ist natürlich nicht die feine Art.
    Ich glaube, die Ausstellung endet bald und wandert dann nach London. LG Anja

    • Manuela

      Schwarz macht es sicherlich nicht leichter, aber ich finde solch eine Übersetzung prinzipiell nicht einfach. Es fühlt sich ein wenig so an, als ob man einen Frosch zeichnen würde. Jeder weiß, wie er aussieht, aber ihn aufs Papier zu bringen, ist etwas anderes…
      Ich stimme Dir absolut zu: Stoff und Schnitt wirken bei dieser Hose stark zusammen. Es braucht einen Stoff mit hervorragendem vertikalen Fall, der die Weite nach unten “zieht”. Vermutlich ist es ein Wollgabardine.
      Dank Dir für den Tipp! Vor Ort zu schauen, daran hatte ich noch gar nicht gedacht, weil ich nicht wüsste, dass Givenchy einen Flagship-Store in Berlin hat. Ich könnte aber beim KaDeWe vorbeigehen…
      Liebe Grüße, Manuela

  2. Mein Neid gilt dieser Hose, ich wäre auch gerne einmal so schön beschrieben worden wie sie – “Die Hose ist weit, ohne großzügig zu sein. Lang, ohne lässig zu sein. Präsent, ohne Aufmerksamkeit einzufordern – ihre Zurückhaltung ist kein Zufall.”.

    Ich werde den 15.02. abwarten mit meinen Billy Plänen, Stoff und Schnitt liegt an sich schon bereit.

    Viele Grüße,
    Tina

    • Manuela

      Ich war, als die Kollektion erschien, ein wenig verliebt in die Hosen – gerade in Bewegung, wie die Hosenbeine unterhalb des Knies beim Laufen mitschwingen… Ok., sieht man auf Videos des Runways besser, aber die sind so mit Werbung durchsetzt, dass ich sie hier nicht verlinkt habe…
      Oh, wie schön! Du nähst die Billy. Fast schade, dass Du mit der Umsetzung warten willst. Ich bin natürlich sehr gespannt.
      Liebe Grüße, Manuela

  3. Ich bin sehr gespannt. Ich kann kaum was erkennen auf dem Bild. Aber es erinnert mich daran, dass ich unbedingt eine schwarze Hose mit Biese brauche. Meine Meinung zu Bügelfalte ist nämlich, dass die unbedingt festgenäht sein sollte.
    LG Silke

  4. Wow, das ist ja ein wirklich ambitioniertes Projekt. Ich bin gespannt, wie es weiter geht.
    https://www.cettire.com/de/products/givenchy-pleat-tailored-pants-941419512/cmVhY3Rpb24vcHJvZHVjdDpSR0dCVEdjR3Z4NDU3QWVaeg%3D%3D?lng=de&utm_source=google&utm_medium=cpc&gclid=EAIaIQobChMI-LeTm4CnkgMVSVyRBR1Okx0vEAQYBCABEgIJXPD_BwE&gad_source=5&gad_campaignid=6486659684
    Das könnte übrigens Deine Hose sein, zumindest sieht sie der Abbildung bei WWD sehr ähnlich.
    Viele Grüße, Stefanie
    Ich wünsche Dir viel Erfolg.

    • Manuela

      Ach, wie aufmerksam!
      Das tut sie tatsächlich. Das einzige Detail, welches mich etwas irritiert: Auf der Nahaufnahme von vorn, sieht es so aus, als ob sie eine Bundfalte und Hüftpassentaschen hat; auf der Nahaufnahme von der Seite, sieht man hingegen keinen Tascheneingriff, dafür zwei Bundfalten auf der Vorderhose…
      Herzlichen Dank für Deine Unterstützung bei der Spurensuche.
      Liebe Grüße, Manuela

  5. Was du so über die Wandlungen in der großen Modeszene schreibst macht sie mir irgendwie noch weniger sympatisch. Dazu im Kopf noch den gerade gesehenen Film über Vivienne Westwood (Punk – Ikone – Aktivistin), der mich sehr zwiespältig zurückgelassen hat. Haute Couture und alles drumherum geht an mir meist komplett vorbei. Selten, dass ich da mal genauer hinsehe. Es sei denn, es ist im Rahmen einer Ausstellung. Seit ich wieder selbst Kleidung nähe, habe ich doch öfter mal genauer hingesehen. Vor allem im V&A habe ich da schon einiges Interessantes gesehen und mir auch bildlich gemerkt. Vor allem wenn die Schnittführung interessant war. Insofern bin ich jetzt natürlich sehr gespannt auf dein Hosenprojekt. Gerade diese Schlichtheit ist doch das Besondere. Und wohl auch das Schwierige, genau dieses Bild das man vom Kleidungsstück hat dann auch genau so hinzubekommen. Ich werde deinen Weg zu einer schlichten aber besonderen Hose also aufmerksam verfolgen.
    Liebe Grüße, heike

    • Manuela

      Ich habe den Film über V. Westwood auch gesehen. Jetzt bin ich natürlich neugierig, in welchen Punkten Dich der Film zwiespältig zurückgelassen hat….?
      Mich interessiert und beeinflusst Haute Couture schon sehr; zunächst mehr historisch als aktuell, und auch eher durch die museale Brille… Das V&A mag ich auch sehr.
      Wenn ich zurückdenke, was das aber nicht immer so. Angefangen meine Kleidung selbst zu nähen, habe ich mit japanischen Nähbüchern und kleinen Indie-Schnittmuster-Labeln, die sich in ihrer Ästhetik bewusst von DFY (Done For You) und Trends absetzten.
      Liebe Grüße, Manuela

  6. Ist es schon wieder so lange her? ! Ich mochte “Vom Laufsteg in den Kleiderschrank” auch sehr gern. Das können wir gern wieder einmal machen. Beziehungsweise ich warte da nicht drauf, sondern mache einfach. Das schon mal als Ankündigung, was zum nächsten MMM kommt. Ich finde nur die Vorgabe des MMM, dass Alltagskleidung gezeigt werden soll, etwas hemmend…
    Ja, lasst uns über Hosen reden! Ich bin mir nicht sicher, ob da Wollgarbardin zu sehen ist, weil es so glänzt. Oft ist es ja so, dass man die guten Stoffe gar nicht bekommt als Hobbynäher. Dann sind die Models meist extrem dünn, was kein Maßstab sein kann, von wegen lässiges Schwingen des Stoffes. Aber ich glaube nicht, dass es allzu schwierig ist mit dieser Bundfaltenhose. Bei dünnem Stoff, was hier wohl verwendet ist, läuft nach meiner Erfahrung die Form schnell auseinander, wenn man etwas weiter und länger wird. Was hier ja gewünscht scheint. Tja, dann noch das passende Oberteil und schon ist der Look perfekt! Ich wünsche viel Erfolg und Spaß! Regina

    • Ich bin gespannt auf deinen MMM-Beitrag!
      Die Stofffrage hat mich auch beschäftigt. Was denkst du denn, könnte es stattdessen sein? Feine Wollqualitäten können unter Runway-Licht durchaus stärker reflektieren, als man es im Alltag erwarten würde – aber ich bin für andere Einschätzungen offen.
      Und ja – „einfach“ wirkt die Hose wohl nur auf den ersten Blick.
      Lieben Dank fürs kollegiale Mitdenken.
      LG Manuela

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