Es ist Mitte August. Die Tage sind noch lang, der Sommer noch nicht vorbei, und eigentlich möchte ich über alles Mögliche nachdenken, nur nicht über die nächste Herbst-Winter-Saison.
Genau das wäre allerdings der richtige Zeitpunkt dafür.
Bei meiner saisonalen Planung bin ich regelmäßig zu spät dran. Wintermäntel gehören dabei zu den zuverlässigen Kandidaten. Die Idee entsteht irgendwann im Herbst, dann kommt der WKSA, Anfang des Jahres begebe ich mich auf Stoff- und Schnittsuche und im Frühjahr bin ich dann fertig. Mit Sommerkleidern ist es ähnlich. Mir fällt meist um diese Zeit etwas ein, was ich unbedingt noch für den Sommer nähen möchte, wie gerade eine Bermuda. Bis ich fertig bin, sind andere schon längst bei ihrer Herbstgarderobe.
Das Problem ist: Ich bin eine ausgesprochene Impulsnäherin. Eine Anfang des Jahres festgelegte Liste abzuarbeiten, auf der für September Schnitt XY vorgesehen ist, entspricht ungefähr so sehr meiner Vorstellung von einem Freizeitvergnügen wie die Steuererklärung.
Trotzdem musste ich letztens mal wieder an SWAP denken.
SWAP – Sewing With A Plan. Wer schon länger in der Online-Community unterwegs ist, erinnert sich vielleicht noch daran. In den 2000er und 2010er Jahren war SWAP eine ziemlich große Sache in Foren und auf Blogs, wenigstens in der englischsprachigen Nähwelt, wobei die ursprüngliche Idee wohl auf die 1990er Jahre zurückgeht. Statt lauter Einzelstücke zu nähen, die anschließend vereinsamt im Schrank hängen, sollte bereits vor dem Zuschnitt darüber nachgedacht werden, was womit getragen werden kann. Genäht wurde also nicht ein einzelnes Kleidungsstück, sondern über mehrere Monate hinweg eine kleine Garderobe. Beim jährlichen SWAP Contest (z. B. bei der Stitcher’s Guild) diskutierten Blogger*innen ihre Farbkonzepte, zeigten Stoffstapel und Moodboards und überlegten gemeinsam, welche Schnitte und Stoffe in ihre geplante Garderobe passen könnten. Und wie das so ist. Irgendwann war SWAP (vielleicht so Anfang der 2020er Jahre) weitgehend verschwunden.
Dafür gibt es vermutlich mehrere Gründe: Zum einen haben sich die Orte verändert, an denen wir über Nähen sprechen. SWAP war geradezu für Foren und Blogs gemacht. Man plante über Wochen, zeigte Stoffe und Schnitte, diskutierte Änderungen, dokumentierte Zwischenstände und präsentierte Monate später das Ergebnis. Das ist eine andere Geschwindigkeit als die bildzentrierte Kommunikation, die mit Instagram aufkam.
Auch die Schnittmusterwelt hat sich verändert. Die explosionsartige Vermehrung der Indie-Labels brachte ständig neue Schnitte hervor. Der nächste Schnitt war plötzlich nur einen Instagram-Post entfernt. Wenn ich mich recht erinnere, verschwanden etwa zur selben Zeit auch die regelmäßigen Besprechungen der Schnittmuster-Neuerscheinungen aus vielen Blogs. Irgendwann kam man mit dem Schreiben schlicht nicht mehr hinterher. Und als aus einer überschaubaren Szene ein Markt wurde, verlor das Ganze auch etwas von seinem Charme.
Nicht zuletzt trieb das Regelwerk bei SWAP – was mit was und wie oft kombinierbar sein musste – mitunter Blüten. Manches an den jährlich wechselnden Regeln klingt im Rückblick weniger nach Plan als nach Planwirtschaft. Und wenn maximale Kombinierbarkeit das erklärte Ziel ist, landet man schnell bei Schwarz, Weiß, Beige und Navy sowie T-Shirt, Jeans und Trenchcoat. Eine Ästhetik, die uns heute gerne als Capsule Wardrobe oder „Pariser Chic“ angeboten wird.
Dagegen ist sicherlich nichts einzuwenden. Es ist nur nicht unbedingt meine Garderobe. Trotzdem kam mir SWAP wieder in den Sinn. Denn hinter all den Regeln steckt ein ausgesprochen vernünftiger Gedanke: Nicht erst dann darüber nachdenken, was man nähen möchte, wenn man es eigentlich schon tragen möchte.
Das ist es also, was in mir etwas zum Klingen bringt. Und so packe ich den angepassten Bermuda-Schnitt weg und vertage das Projekt vorerst.
Geht es nur mir so?
3he fecit
Ich bin auch eine Impulsnäherin. Zumindest die meiste Zeit. Deshalb habe ich gerade nochmal einen Schwung Schnitte für Sommerblusen herauskopiert. Denn jetzt eben ist mir aufgefallen, was ich noch brauche, bis nächstes Jahr habe ich das wieder verdrängt. Nähpläne mache ich zwar schon immer mal wieder. Wenn es dann ans umsetzen ginge, gefällt mir die Kombination von Stoff und Schnitt dann öfter nicht mehr, und ich sinniere wieder und suche andere Schnitte. Und verbringe wertvolle Nähzeit mit Sinnieren.
Unter dem Begriff SWAP hatte ich anderes abgespeichert. Dass es keine Schnittbesprechungen und nicht mal mehr Fotos von umgesetzten neueren Schnitten online zu finden gibt, ist mir in letzter Zeit auch sehr unangenehm aufgefallen. Jedenfalls hat meine Suche nichts ausgespuckt. Das Schöne an Blogs ist ja, dass man niederschwellig, ohne selbst Mitglied zu sein, lesen kann. Bei Instagram und dergleichen komme ich meist nicht weit. Es ist also gleichzeitig ob der Menge unüberschaubar geworden und gleichzeitig nur noch in “gated communities” veröffentlicht.
Also blättere ich wieder in meinen Nähzeitschriften und wälze Nähpläne. Wintermantel war das Stichwort. Den wird es wieder nicht rechtzeitig geben, fürchte ich…
Liebe Grüße heike
Manuela
Pläne zu schmieden und diese auch wieder zu verwerfen, empfinde ich nicht als verlorene Zeit, sondern als den kreativen Teil beim Nähen. Gerade die Diszipliniertheit bei SWAP hat mich immer ein wenig abgeschreckt. Nur mein Zeitmanagement ist dabei eine Katastrophe … Möglicherweise braucht es gar nicht mehr Disziplin beim Abarbeiten, sondern mehr Vorlauf beim Planen …
Fast noch interessanter finde ich Deinen zweiten Gedanken, das Paradox, das Du so treffend beschreibst: dass es mehr „Content“ gibt, man aber zugleich immer weniger findet durch die Zunahme geschlossener Räume. „Gated Communities“ haben sicherlich gute Gründe (das Internet ist in Teilen kein besonders angenehmer Ort), problematisch wird es, wenn sie zur Verarmung öffentlicher Räume beitragen oder diese gar ersetzen und wir zunehmend in Parallelwelten leben. Über Deinen Satz, dass man Blogs lesen kann, ohne Mitglied (und ich würde ergänzen: Kunde) zu sein, musste ich lange nachdenken. Blogs scheinen trotz privater Urheberschaft etwas von öffentlichen Räumen zu bewahren. Man muss nicht dazugehören, sondern darf einfach vorbeikommen. Etwas, das, wie mir scheint, nicht nur im Netz verloren geht: die Erfahrung der zufälligen Begegnung, auch mit dem Fremden, ohne dass daraus gleich ein Konflikt entsteht.
Jetzt sind wir von SWAP ziemlich weit weggekommen – oder vielleicht auch nicht.
Herzlichen Dank für den Denkanstoß! Liebe Grüße Manuela
B. Schwarz
Ich schreibe nun auch meine Gedanken – das erste Mal -, da ich auch viel und gerne nähe und dann auch Pläne mache. Dies ist eigentlich vorgegebn, bei den einzelnen Schritten, die bedacht werden müssen, um ein Kleidungsstück in meinen Händen und an meinem Körper zu haben.
Gernau diese Schritte, die sich ändern, können auch den “Plan” durch einander bringen: welcher Stoff bei dem entsprechenden Schnittmuster, das gefällt und ausgesucht oder dann doch anders rum, der Stoff und welcher Schnitt dafür, um ein Stück so zu schaffen, dass es meinem Stil zugehörig zu sein scheint.
Bei den Blogs kamen die Gedanken und Inspirationen. Istagramm, ja, was soll ich sagen: habe ich garnicht. Also Blog und unproblematisch.
Manchmal würde ich doch gerne einen Plan umsetzen. Das Durchdenken gehört für mich zu dem langen Prozess: Nähen. Dann bringt die nähzugehörige “Arbeit” alles auf was Anderes. Und dann wünschte ich mir einen Plan. Aber, dass es bei den entstehenden Kleidungsstücken dann zur Kreativität kommt, ist das große Plus (dann auch in meiner täglichen Auswahl der Sachen ).
Danke für die vielen Inspirationen, Gruß Beate
Manuela
Gern. Und danke Dir, dass Du Deine Gedanken zu SWAP hier geteilt hast. Dir viel Freude beim Nähen. Liebe Grüße Manuela
Stefanie
Bei mir gibt es eine Liste mit interessanten Schnitten, die ich gerne nähen möchte. Sie hängt neben der Nähmaschine, ist ziemlich lang und wird regelmäßig ergänzt. Manchmal nähe ich sogar etwas davon. Aber ich nähe leider ebenfalls antizyklisch und es gibt einige zugschnittene Projekte, die dann doch nicht zur rechten Zeit fertig geworden sind und manchmal über Jahre hinweg in den UFO-Kisten schlummern. Ich versuche mich dahingehend zu disziplinieren und Kleidungsstücke fertig zu nähen, so wie bei dem Rock, den ich gerade noch für die letzten heißen Tage geschafft habe (die passende rückenfreie Bluse übrigens nicht).
Nachdem ich über Jahre hinweg einfach genäht habe, was mir gerade in den Sinn kam – ich bin nämlich auch eine klassische Impulsnäherin- achte ich seit ein, zwei Jahren darauf, mit den neuen Teilen entweder Lücken im Kleiderschrank zu füllen, oder aber bereits mindestens einen bis zwei Kombinationspartner für das neue Teil im Schrank zu haben.
Ein Nähplan ergibt sich leider bereits durch die UFOs aus der vorhergehenden Saison, die ich versuche, zeitnah abzuarbeiten und auch durch die Lücken in der Garderobe, die ich dickköpfig unbedingt selber füllen möchte, statt shoppen zu gehen.
Aber bei 30° im Schatten über Wollkleider nachzudenken, bringe ich auch nicht fertig. Einzige Ausnahme: Ich habe bereits den Schnitt für das Weihnachtskleid gekauft!
Liebe Grüße, Stefanie
Manuela
Bei Deiner Liste musste ich schmunzeln: „Manchmal nähe ich sogar etwas davon“ beschreibt mein Verhältnis zu Nähplänen ziemlich gut. Als Sammlung von Ideen finde ich sie wunderbar – nur als To-do funktioniert sie bei mir nicht.
Den Gedanken, beim Nähen stärker darauf zu achten, was fehlt oder womit es sich kombinieren lässt, teile ich. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich an SWAP trotz aller Vorbehalte wieder gedacht habe: nicht unbedingt einen festen Plan zu haben, sondern etwas bewusster darüber nachzudenken, was man eigentlich nähen möchte – und vor allem rechtzeitig.
Den Anspruch, meine Garderobe möglichst vollständig selbst zu nähen, hatte ich auch mal, habe mich aber inzwischen davon verabschiedet. Es gibt Kleidungsstücke, deren Herstellung mir einfach keine Freude macht. Umso mehr bewundere ich Deinen Dickkopf.
Liebe Grüße, Manuela
Stefanie
Alles nähe ich auch nicht selber. Ich mache bei Basis-T-Shirts, Slips und leider auch bei BH’s eine Ausnahme, da fehlt einfach die Zeit und die Lust. Mein Dickkopf bezieht sich eher auf die Jeans, sie ich bereits seit 3 Jahren brauche. Noch komme ich mit einer uralten Hose, deren “used” kein Look sondern original Abnutzung ist, durch, aber irgendwann wird sie einfach zerfallen. Ich kann mich nur einfach nicht zu der aufwändigen Anpassung aufraffen, deshalb schiebe ich sie immer wieder vor mir her. Vielleicht auf der Annäherung im November?
Liebe Grüße, Stefanie
Manuela
Ach, ich dachte tatsächlich, Du hättest die Helene mit der gezeigten Shorts-Version schon auf Dich angepasst. Dann verstehe ich das Aufschieben noch besser – eine Jeans ist nicht gerade ein Zwischendurch-Projekt, obwohl mir die Steppnähte immer viel Spaß machen … Die Annäherung klingt dafür tatsächlich nach einer guten Gelegenheit.
Liebe Grüße, Manuela
Bock
Mich beschäftigt vor allem die Planwirtschaft.
Ausgerechnet ein Konzept namens „Sewing With A Plan“ endet also irgendwann bei Regeln darüber, was womit wie oft kombinierbar sein muss – und damit zuverlässig bei Schwarz, Weiß, Beige und Navy.
Das ist eine schöne Erinnerung daran, wie schnell Vernunft in Verwaltung umschlagen kann. Man beginnt mit dem durchaus sinnvollen Gedanken, nicht lauter textile Einzelgänger zu produzieren, und wenig später braucht die Garderobe offenbar eine Fünfjahresplanung.
Dabei ist der eigentliche Kern ja überzeugend: Nicht erst im November feststellen, dass ein Wintermantel praktisch wäre.
Vielleicht braucht es deshalb weniger SWAP als eine etwas lockerere Variante:
Sewing With A Vague Intention.
Das dürfte deutlich besser zum wirklichen Leben passen.
Manuela
„Sewing With A Vague Intention“ gefällt mir ausgesprochen gut. Vielleicht ist das tatsächlich die Variante, mit der ich leben könnte: etwas mehr Vorlauf beim Nachdenken, aber jederzeit das Recht, den Plan über den Haufen zu werfen. Danke für Deinen Kommentar.