GESEHEN, gelesen, gemacht …

Und da ist der Januar auch schon wieder vorbei; viel ist nicht passiert. Einer meiner wenigen Highlights in diesem konturlosen Monat, in dem sich die Sonne hat kaum blicken lassen, waren die McQueen Dokumentationen. Die DVD Alexander McQueen – der Film (2018, Trailer dtsch.) von Ian Bonhôte und Peter Ettedgui lag vorletztes Weihnachten unterm Weihnachtsbaum; ca. ein Jahr zuvor hatte ich den Film auf der Kinoleinwand gesehen. Schon damals wollte ich darüber schreiben. Warum ich es nicht getan habe? Weil ich nach der Premiere enttäuscht war. Vor zwei Wochen habe ich mir den Film nochmals angeschaut. Inzwischen fällt mein Urteil milder aus, was allerdings mehr an McQueen als am Film liegt.

Der Film zeichnet das 20jährige Schaffen von McQueen nach: angefangen von seiner Schneiderlehre in der Savile Row, dem Inbegriff britischer Maßschneiderei, seinem Studium am Central St. Martins College in London, über seine Entwicklung zum Enfant terrible der britischen Mode in den 1990er Jahren, als Chefdesigner bei Givenchy – mit nur 26 Jahren – und seine Zeit bei Gucci, bis hin zu seinem tragischen Ende 2010 nach der legendären Show Platons Atlantis, die – ein absolutes Novum – live im Internet übertragen wurde. Befragt werden Weggefährten, ehemalige Kolleg*innen, Freunde und Angehörige. Dazwischen sind Interviews mit McQueen zu sehen sowie Mitschnitte seiner populärsten Shows, die den Catwalk in den Rang von Performance-Kunst hoben.

Wer hier schon länger liest, dem ist sicherlich nicht entgangen, dass ich ein Fan des Designers bin. So war ich einmal mehr von der technischen Raffinesse und den bildgewaltigen Inszenierungen überwältigt. Übrigens auch sein erklärtes Ziel…

I don’t want to do a show feeling like you just had Sunday lunch. I want you to feel repulsed or exhilarated.

Alexander MCQUEEN

Ich hatte mich länger nicht mit McQueen beschäftigt… Beim Schreiben ist mir wieder einfallen, was mir im Kino damals aufgestoßen ist: Es gibt einen älteren Dokumentarfilm von Louise Osmond mit dem Titel McQueen and I (2011, Vollversion auf Youtube). Er folgt den Anfängen von McQueen in der Savile Row, seinem Studium am St. Martins College usw. anhand von Gesprächen mit Leuten aus seinem privaten und beruflichem Umfeld, zwischen die Interviews mit ihm und Showmitschnitte montiert sind. Klingelt da nicht ’was? Teilweise sind es sogar dieselben Dialogsequenzen, z. B. mit Detmar Blow. Auch die Idee, den Film in Kapitel zu unterteilen, findet sich bereits in der älteren Dokumentation.

V&A Museum, London: Leider durften wir damals nicht fotografieren, aber das Museum hat selbst Einblicke in die Ausstellung Savage Beauty veröffentlicht.

Es mag am Medium Film liegen, Aufstieg und Fall eines Designers aus dem Londoner East End und Arbeitermilieu, chronologisch zu erzählen. Die Retrospektive über McQueen Savage Beauty (2015 im V&A Museum, zuerst 2011 im MET) hat gezeigt, dass es auch anders geht; sie ordnete sein Werk nach Motiven, wie etwa Kunstfertigkeit, Spektakel, Imagination oder Sinn und Sinnlichkeit. Vielleicht wären Bonhôte und Ettedgui dann auch nicht in die Falle einer allzu biografischen Lesart getappt, die für meinen Geschmack gegen Ende des Films an Voyeurismus grenzt. Es ist verständlich, dass sich Angehörige und Freunde bei Suizid nach dem Warum fragen, die Kamera darauf zu halten, ist es für mich nicht. Ein Werk aus persönlichen Problemen erklären zu wollen, greift zu kurz. Da könnten wir uns hier vor Künstler*innen kaum retten…

Eine Vorliebe fürs Morbide und eine Ästhetik des Schocks findet sich zeitgleich in der britischen Kunst- und Theaterszene, man denke z. B. an die Young British Artists oder an die Stücke von Mark Ravenhill oder Sarah Kane. McQueens Shows sind z. T. beißende Kommentare auf die schmutzige Seite des Modegeschäfts, etwa wenn er in Deliverance (FS 04) die Models bis zum Umfallen tanzen lässt oder sie in The Horn of Plenty (HW 09/10) in grotesk-verzerrten Couture-Roben um einen Müllhaufen defilieren.

Bis heute verstehe ich nicht, warum die Zeitungskritiken so positiv ausfielen. Neben der Enttäuschung gab es aber noch einen persönlichen Grund, warum ich nach dem Kinostart nicht über den Film geschrieben habe. Zur Premiere war ich gemeinsam mit einer Näh- und Blogfreundin gewesen. Über zwei Stunden harrte sie neben mir in einem schlecht beheizten Kinosaal mit einer saftigen Erkältung aus; es war ihr erster Kontakt mit McQueen und sie war von seiner Arbeit fasziniert. Ich wollte ihr diesen Moment nicht nehmen.

Wenngleich mich der Film auch beim zweiten Mal nicht überzeugt hat, ist meine Begeisterung für McQueen ungebrochen. Man kann seine Kreationen mögen oder nicht, auf alle Fälle reißen sie einen aus der Betulichkeit eintöniger Wintertage.

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12 Kommentare

  1. Diese Erzählart, wie du sie beschrieben hast, kenne ich auch aus anderen Dokus über Verstorbene.
    Letztlich sind diese Dokus so eine Sache, da sie die Interpretation Außenstehender sind und wer weiß, ob sie dem Dargestellten gerecht werden oder seine Zustimmung gefunden hätten.
    Jedenfalls merci für deine interessante Filmkritik.
    LG von Susanne

    • Manuela

      Das ist ein wichtiger Punkt, den Du da nennst! Daran hatte ich gar nicht gedacht, dass sich Verstorbene nicht mehr gegen Darstellungen ihrer Person schützen können…
      Dank Dir Susanne & herzliche Grüße
      Manuela

  2. wundervoller post!!!!
    und gleich mal DANKE für die vielen guten links!
    alexander mcQueen ist auch für mich einer der ganz grossen. schade, dass die filmemacher nur mittelmass sind…. aber wie du schon schreibst – auch das stört am ende wenig oder nicht – mcQueen steht da meilenweit drüber.
    was war ich traurig, als ich von seinem tod erfuhr…….. und irgendwie (in der rückschau) war das einer der sargnägel für mein eigenes modelabel – wenn ER schon in den sack haut, wie kann ich kleines licht mich dann gegen uniformität, beliebigkeit und made in china stemmen?? (herbst 2010 hab ich dann endgültig aufgegeben).
    sehr anrührend, dass du deine freundin schonen wolltest <3
    xxxx

    • Manuela

      Dankeschön!
      Wenn ich das lese, bin ich ganz froh, dass Mode nur meine private Leidenschaft ist und ich nicht das Geld für die Miete damit verdienen muss. Ich glaube, es ist ein großartiges Hobby, aber ein knallhartes Geschäft. Es tut mir leid, dass Du aufhören musstest.
      Liebe Grüße Manuela

  3. Wie spannend! Vielen Dank für deinen Bericht 🙂
    Liebe Grüße
    Katharina

    • Manuela

      Gern geschehen.
      Freut mich sehr, dass Du ihn interessant fandest! Er fällt ja ein wenig aus der Reihe…
      Liebe Grüße Manuela

  4. Ich glaube, es macht einen riesigen Unterschied, ob man sich vor dem Film schon einmal mit dem Designer beschäftigt hat. Ich habe den Film auch damals im Kino gesehen und war sehr angetan, ich kannte aber auch nur seinen Namen und wusste nichts über Leben, Werdegang, Kollektionen, Tod. Der Film hat mich neugierig gemacht und ich habe danach begonnen, mich mit ihm zu beschäftigen – soweit das möglich war. Irgendwie sind Kinofilme natürlich immer so gemacht, dass sie Geld einspielen sollen, insofern eignet sich die Story, irgendwie ähneln sich die Stories von Designern und Rockstars, da ist ja auch einiges verfilmt worden. Ich glaube übrigens, dass der Film derzeit auf Netflix vorhanden ist, vielleicht ist das für den ein oder anderen interessant. LG Anja

    • Macht es. Das ging mir ja selbst so, dass mit zeitlichem Abstand die Machart des Films in den Hintergrund rückte… Die Parallele zwischen Designern und Rockstars, frei nach dem Motto, intensiv gelebt und früh gestorben, ist mir noch nicht aufgefallen; da mag aber etwas dran sein, zumindest wenn der Betreffende, da würde ich Susanne Recht geben, nicht mehr am Leben ist. Ich weiß nicht, ob Du den Film über V. Westwood gesehen hast, er kam einen Monat später in die Kinos. Der Tenor ist ein ganz anderer!
      Danke für den Hinweis, dass man die Doku über McQueen aktuell streamen kann. Viele liebe Grüße Manuela

      • Ja, danke für den Hinweis, tatsächlich habe ich Vivienne Westwood ziemlich gleichzeitig gesehen, eine tolle Frau! Und ich meine, es gab noch einen dritten Film in der Zeit, erinnere mich gerade nicht über wen, also aus dem Modebusiness natürlich. Leider habe ich es nicht geschafft den Film über Margiela vor dem Lockdown im November zu sehen, Platzbegrenzung im kleinen Kino, Tage vorher ausverkauft, ich hoffe, es ergibt sich noch eine Chance, sofern möglichst viele Kinos überleben (auch wir haben netflix erst seit Weihnachten, sehr “gefährlich”, LG Anja

        • Manuela

          Was, ich habe tatsächlich einen Film über Margiela übersehen!?! Oh Anja, vielen, lieben Dank für den Tip.

  5. Ehrlich gesagt beschäftige ich mich fast gar nicht mit Mode, zeitgenössische Desinger kenne ich kaum. Das meiste ist mir zu abgehoben. Deshalb nähe ich ja, damit ich mich nicht dem Zeitgeist oder den aktuellen Strömungen unterwerfen muss. Aber der kurze Film vom V&A war echt interessant, und Ich denke, den Film werde ich mir auf Netflix ansehen. (Fernsehen ist auch etwas, was bei Zeitmangel ganz schnell hinten ‘runter fällt 🙂 .)
    Deine Ausflüge in die Designer-Welt finde ich aber immer sehr spannend.
    LG, Stefanie

    • Freut mich, dass ich Dein Interesse wecken konnte! Es sich anzuschauen, bedeutet ja nicht, dass man sich dem dann auch “unterwerfen” muss.
      Dank Dir und liebe Grüße Manuela

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