Verspätet geht es heute weiter mit meiner Challenge Zwischen Laufsteg und Lebenswirklichkeit. Zur Erinnerung: Ich hacke eine Hose aus der RTW-Kollektion Herbst/Winter 2024/25 von Givenchy.
Auf den ersten Blick wirkt dieser Pattern Hack nicht allzu schwierig. Es gibt sicherlich spektakulärere Konstruktionen als eine Bundfaltenhose mit moderater Weite und gerade geschnittenem, bodenlangem Bein. Der Bund sitzt leicht unterhalb der natürlichen Taille. Die Vorderhose hat eine Bundfalte (italienische Legung), die in die Bügelfalte übergeht. Bei der Hinterhose wird der Taillenausfall höchstwahrscheinlich über Abnäher organisiert. In einer Kollektion, die klassisches Tailoring einsetzt, um die DNA von Givenchy zu stabilisieren (die Marke war durch die schnellen Designer- und Richtungswechsel zu diesem Zeitpunkt angeschlagen), sind vorn Hüftpassentaschen und hinten eine Paspeltasche naheliegend.
Wenn etwas an dieser Hose auffällt, dann, dass sie nicht auffällt. Ins Auge springt allein die vertikale Linie, die sie in den Raum schreibt. Mir hat es die Architektur dieser Hose angetan – die Weite, die optisch nach unten gezogen wird und sich in der Bewegung entfaltet, als beschreibe sie eine Endlosschleife um die Knöchel.
Kurzum: eine vergleichsweise eingängige Konstruktion. Man senkt im ersten Schritt die Leibhöhe des Grundschnittes (bzw. eines auf den eigenen Körper angepassten klassischen Hosenschnittes), fügt die Bundfalte in der Vorderhose ein und stellt die Beine an der Innenbein- und Seitennaht zum Saum hin aus. Und hier beginnt die eigentliche Übersetzungsarbeit. Während sich die Ausstellweite noch relativ gut kalkulieren lässt – Soll-Umfang minus Ist-Umfang ergibt die Ausstellweite, verteilt auf vier Nähte (Seitennaht und Innenbeinnaht von Vorder- und Hinterhose) – ist die Frage nach dem Wann und Wie der Ausstellung nicht so einfach. Es gibt unzählige Möglichkeiten, Weite zuzuführen, und jede verändert die Wirkung der Silhouette. Genau hier entscheidet sich der Look.

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Hinzu kommt, dass meine körperliche Realität eine andere ist. Abgesehen vom Offensichtlichen, dass ich nicht die Maße eines Laufstegmodels mitbringe, unterscheiden wir uns auch in Proportion und Haltung. Der U-Ausschnitt des Tops würde bei mir bis zum Bauchnabel reichen, mein Becken ist sowohl runder als auch stärker geneigt. Die Hosenbeine der Givenchy-Hose dürften „straight cut“ sein. Wie die erste Version des Probemodells zeigt, führt ein Ausstellen und Begradigen der Seitennaht vom Oberschenkel zum Saum hin bei mir jedoch nicht zur gewünschten Wirkung: Die Weite fällt nicht, sondern sammelt sich seitlich.


Spätestens hier wird deutlich, dass Runway-Looks sich nicht über Maße reproduzieren lassen. Nicht jede Konstruktion entfaltet an jedem Körper dieselbe Wirkung. Entscheidend ist daher weniger, wie viel Weite hinzugegeben wird, als vielmehr, wo und wie sie im Verhältnis zum Körper verortet ist. Jeder Körper bildet sein eigenes Koordinatensystem, in dem neu zu bestimmen ist, mit welchen konstruktiven Mitteln sich vergleichbare Effekte erzeugen lassen. Referenzen sind keine Baupläne, sondern Beschreibungen von Wirkungen. Es geht folglich weniger um Maße als um Prinzipien.
Jahrelang habe ich mich gefragt, warum Maßschneider*innen (einschließlich meiner Großmutter) auf die Frage „Wie viele Zentimeter gibst du hier dazu?“ so zögerlich reagieren. Vielleicht, weil sie weniger in Zahlen als in Kräften denken – in Zug und Fall, in Linien und Relationen. Ein Maßschnitt ist für mich daher nie bloß die Summe der gemessenen Werte, sondern das Ergebnis einer Reihe von Entscheidungen: eines Aushandeln zwischen Design, Körper und Stoff.
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Praktisch umgesetzt sehen diese Überlegungen, ein paar Wochen und Probemodelle später, so aus:



Ich habe die Weite verzögert und erst ab Knie ausgestellt, um sie von der Seitennaht weg zu verlagern, und eine langgezogene Kurve gezeichnet (für „straight cut“ statt „boot cut“). Da mein Ziel weniger ein nach Lehrbuch „korrekter“ Schnitt ist als die Übersetzung der Givenchy-Silhouette auf meine körperliche Realität, habe ich nicht identisch ausgestellt, sondern außen mehr als innen, hinten mehr als vorne. Das Volumen liegt nun dort, wo ich Raum brauche – in der Hinterhose (auch wenn ich den Umfang des Hosenbeins um einige Zentimeter reduziert habe).
Bei diesem Probemodell habe ich mich zudem für Leibhöhe sowie Faltenbreite und -tiefe entschieden und einen Formbund gezeichnet, der sich hoffentlich wie ein gerader Bund liest. Darauf lässt sich aufbauen. Fehlen nur noch Ober- und Untertritt, die Taschen – und das Nähen der finalen Hose. Das ist doch schnell gemacht. Ha-ha. Ich hoffe, euch das fertige Modell Ende März zeigen zu können.



Stefanie
Hast Du den Hosensaum mit etwas Einlage verstärkt? Ein Streifen G785 wirkt da Wunder. Ist nicht steif, aber der Saum fällt nicht so leicht in sich zusammen.
Bei dem Blick in das Schnittkonstruktionsbuch hätte ich auch eher auf die Silhouette ganz links getippt. Könnten die diagonalen Spannungsfalten eventuell an zuviel Stoff an der Oberkante auf Höhe der Abnäher liegen? In der Mitte sieht ja alles gut aus, vielleicht passt die Rundung der Hosenoberkante nicht ganz zur Rundung des Formbundes.
Weiter viel Erfolg,
Herzliche Grüße, Stefanie