Rom in Metern

Rom: Im August treiben durch die menschenleere Stadt nur Scharen erhitzter Touristen, vertieft in ihre anstrengende Pflicht {…}. Über allem weht ein Hauch von Verlassenheit als hätte ein Rattenfänger von Hameln alle Einwohner mit sich fortgeführt. So zeigt sich uns die Touristenstadt ganz unverstellt: eine leere Hülle, eine Theaterkulisse.

Marco d’Eramo

Glücklicherweise fiel unser Rom-Aufenthalt auf Anfang März, wenn das Verhältnis von Bewohner*innen und Besucher*innen der Stadt noch halbwegs ausgewogen wirkt. Wer hier öfter vorbeischaut, weiß, dass ich eine Schwäche für Stoff-Souvenirs habe. Andere bringen Kulinarisches, Kosmetik oder Keramik mit, ich Meterware. Ich mag es, mich später im wahrsten Sinne des Wortes in Erinnerungen zu hüllen. Wo auch immer ich bin, halte ich daher nach lokalen Stoffläden Ausschau. Heute nehme ich euch mit auf einen Textilbummel durch Rom.

Um einen Anlass bin ich nie verlegen: Für eine Hose, die ich gerade nähe, „brauchte“ ich ohnehin noch Wollgabardine mit einer Grammatur zwischen 220 und 280 g/m², idealerweise 240 bis 260 g/m². Um einen solchen Anzugstoff zu finden, ist Rom ein guter Ort. Zwar hatte ich noch italienischen Wollgabardine mit dem entsprechenden Gewicht vorrätig, sogar in ausreichender Menge, allerdings nicht in der gewünschten Farbe Schwarz, sondern in einem kühlen Blau mit Grauanteil – leicht rauchig.

Um die Geduld von H. nicht überzustrapazieren, hatte ich einen Spaziergang vom Pantheon Richtung Isola Tiberina vorgeschlagen, da sich rund um den Largo di Torre Argentina mehrere Stoffläden in wenigen Gehminuten Entfernung voneinander befinden.

Am Largo di Torre Argentina selbst kehrt man den antiken Ruinen und den Tourist*innen den Rücken und ist, sobald man die Türschwelle zur Azienda Tessile Romana überschritten hat, in einer anderen Welt – und zwar zu meinem Leidwesen fast allein. Gern hätte ich mich ein wenig umgeschaut und ein paar Fotos gemacht. Doch die Azienda Tessile Romana ist kein Laden für „ich schau mal“. 1917 in Neapel gegründet und seit den 1940er Jahren in Rom ansässig, ist sie weniger ein Ort zum Stöbern als vielmehr ein traditionsreiches Fachgeschäft mit Beratung. Stoffe liegen, auch wenn sie sich in den Wandregalen bis unter die Decke stapeln, nicht unbedingt zur freien Durchsicht aus, sondern werden auf Nachfrage präsentiert.

Entsprechend besteht die Kundschaft weniger aus der typischen DIY-Klientel als aus älteren Römer*innen, die schon „immer“ dort einkaufen, Maßschneider*innen sowie Kostümbildner*innen, etwa aus dem Umfeld der Cinecittà, kurzum aus Menschen, die wissen, was sie tun – oder zumindest, wonach sie suchen. Das Sortiment ist breit, mit einem Schwerpunkt auf klassischen Materialien, darunter italienische Wolle in feinen Qualitäten.

Weil der Laden leer war, kamen sofort zwei Verkäufer auf mich zu. Ich fragte nach „gabardina di lana pettinata nera, per pantaloni“ (schwarzer Wollgabardine für Hosen). Da ich nie über die ersten Lektionen Italienisch hinausgekommen bin, habe ich von der vermutlich fachkundigen Beratung nicht allzu sehr profitiert und verließ die Azienda Tessile Romana schließlich mit einem tiefschwarzen, selbstverständlich in Italien gewebten Wollgabardine, der traumhaft fällt – nur leider mit 300 g/m² für meine Zwecke etwas zu schwer.

Gleich um die Ecke liegt mit Bassetti Tessuti* eine weitere Institution – wohl legendär unter römischen Schneider*innen, nicht zuletzt wegen der großen Auswahl, darunter auch Restposten von Luxuswebereien wie Loro Piana, Ermenegildo Zegna oder Vitale Barberis Canonico. Der Laden wirkte deutlich aufgeräumter, als ich gehört hatte, und auch hier bot mir sofort jemand Hilfe an, der glücklicherweise zudem Englisch sprach. Ich wiederholte: Kammgarn im gewünschten Gewicht.

Daraufhin wurde vor meinen Augen ein Stofftraum nach dem anderen von den Ballen entrollt. Da war er: schwarz, glatt und leicht glänzend, mit kontrolliertem Fall und der idealen Grammatur von 250 g/m². Und dann kam der Moment, der sich nach „Breakfast at Tiffany’s“ anfühlte: wie in der Szene, in der Holly Golightly und Paul Varjak mit einem Budget von zehn Dollar feststellen, dass sie sich bei Tiffany’s nur einen „telephone dialer“ oder eine Gravur leisten können – und schließlich einen Ring aus dem Kaugummiautomaten gravieren lassen.

Ich hatte auf die Qualität und nicht auf die Provenienz der Stoffe geachtet, die mir gezeigt wurden. Es war Zegna-Stoff für 117 €/m. Sicherlich bin ich nicht so mittellos wie Holly Golightly, und sicherlich ist dieser Preis für das, was Zegna-Stoffe gewöhnlich kosten, ein Schnäppchen. Aber das lag außerhalb meiner Range – ich brauche schließlich mindestens 2,30 m. Und wie bei Tiffany’s wurde auch bei Bassetti nicht weiter insistiert. Stattdessen ein kurzes Nicken, ein kaum merkliches Neujustieren – und schon rollte der nächste Stoff über den Tisch.

Am Ende haben wir ein anderes Stoff-Souvenir gefunden – immer noch sündhaft teuer und nicht für dieses Projekt, aber ich bin glücklich, sowohl wegen des Stoffes als auch wegen der Erfahrung.

Verlinkt beim Monatsspaziergang – ich freue mich mal wieder dabei zu sein.

* Via delle Botteghe Oscure 51

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6 Kommentare

  1. Wir waren 2018 im November in Rom, und es war wunderbar. Naja, bis auf den Nachmittag mit Wolkenbruch, als am Rückweg vom Centrale Montemartini selbst der Bus nicht mehr weiterkam und alle im Regen aussetzte. Fotos des Pantheon kann ich die gleichen bieten, und noch unzählige mehr. Nur die Stoffkauferfahrung, die habe ich leider nicht gemacht. Nicht nur wegen der Sprachbarriere. Auch weil ich im Bereich feine Stoffe noch zu wenig weiß. Und die drei Mitreisenden auch nicht zu sehr strapazieren wollte. Deshalb habe ich dich jetzt gerne bei deinem Stoffkauferlebnis begleitet. Und bin sehr gespannt, wann und in welchem Zusammenhang du uns deine Romerinnerung präsentieren wirst.
    Schön dass du wieder mal dabei bist.
    Liebe Grüße, heike
    (bei der eine Reiseerinnerung an Ljubljana in Form eines dicken karierten Wollstoffs auf einen passenden Mantelschnitt wartet)

    • Manuela

      Gern. Ich habe so viele Spaziergänge im Kopf, sogar mit textilem Bezug, schaffe es aber oft nicht, die Beiträge rechtzeitig zu schreiben. Auch über Rom hätte ich noch mehr erzählen können – etwa über die Schneidereien (Sartorie) für den Vatikan oder Fendis Umgang mit dem Palazzo della Civiltà Italiana.
      Das Centrale Montemartini haben wir wiederum leider nicht gesehen; stattdessen waren wir auf dem Gelände der geplanten Weltausstellung in EUR, für die das Kraftwerk ja umgebaut werden sollte. Es gibt einfach so viel anzuschauen. Wir hatten unseren Fokus auf die römische Architektur der Antike und spätere Bezüge darauf gelegt – insbesondere auf Rundbauten und Rundbögen sowie auf Materialien wie Beton und Travertin.
      Und ja: Textile Reiseerinnerungen zu sammeln und sie tatsächlich zu vernähen, sind zwei verschiedene Leidenschaften – ich bekenne mich zu beiden.
      Dank Dir & herzliche Grüße, Manuela

  2. Rom, la mia città, insomma, wie schön, dass du eine einigermaßen touristenfreie Zeit hattest und außerdem ein paar Stoffgeschäfte von innen gesehen hast. Und gekauft hast. Ich kann dir sagen, dass alle alt eingesessenen Stoffgeschäfte in ganz Italien nach diesem Prinzip funktionieren, in der Peripherie gibt es oft solchen Ketten Scampoli z.B., aber dort findet man nicht die Stoffschätze wie in den Geschäften im Zentrum. Mein erster in Perugia in so einem Laden gekaufter Stoff ist – obwohl die Hose oft getragen – immer noch tipptopp in Ordnung und ich bedaure jedes Mal, dass ich damals noch sehr viel unordentlicher gearbeitet habe, aber ich ziehe sie an, lg Anja

    • Manuela

      Nun, „touristenfrei“ nicht gerade, aber eben auch nicht dieser Übertourismus, den d’Eramo in seinem Buch beschreibt. Er wohnt wohl in der Nähe des Kolosseums und hat kaum noch Nachbar*innen, weil viele ihre Wohnungen über Airbnb vermieten. Ich meine, wir hatten uns über sein Buch schon einmal an anderer Stelle ausgetauscht.
      Ich liebe diese inhaber*innengeführten Läden – nicht nur, was Stoffe betrifft. Davon gibt es hier leider deutlich weniger als in Italien oder Frankreich. Berlin ist diesbezüglich schon stärker globalisiert.
      So sehr ich eine schöne Verarbeitung einerseits schätze, wünsche ich mir andererseits die Unbeschwertheit der Anfangszeit zurück. Ich hatte weniger Hemmungen, Stoffe einfach anzuschneiden. Du scheinst dir diesbezüglich mehr Leichtigkeit bewahrt zu haben.
      Liebe Grüße, Manuela

  3. Danke für deinen Erfahrungsbericht und die tollen Fotos! Rom ist ja ein Wunschziel von mir (ich habe Latein studiert), aber leider spreche ich kein Italienisch, das trübt das Einkaufserlebnis ja leider schon etwas 😀

    • Manuela

      Sehr gern! Rom lohnt sich wirklich – gerade mit Latein im Hintergrund sieht man die Stadt vermutlich noch einmal mit anderen Augen.
      Und was die Sprache angeht: Das hat mich tatsächlich auch etwas gebremst, aber überraschend oft kommt man mit Englisch weiter. Ich würde mich davon also nicht abhalten lassen – im Zweifel ein paar Begriffe wie „lana“ o. ä. raussuchen und die gewünschte Meterzahl notieren. LG Manuela

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