Neujahrsnotizen: Vom Zeigen zum Erzählen

The same procedure as every year.


Am ersten Mittwoch des neuen Jahres kürt der MeMadeMittwoch den Liebling des vergangenen Jahres, und ich halte kurz inne: dieses Mal nicht um Bilanz zu ziehen im Sinne von Zahlen – was Stoffkäufe, fertige Projekte, Zugriffe oder Kommentare betrifft; alles weniger als in den Jahren zuvor –, sondern um mir bewusst zu machen, was sich verschoben hat.

November

Twill & Heftstich ist – wie viele Nähblogs – vor mehr als zehn Jahren aus dem Wunsch entstanden, Selbstgenähtes zu zeigen: Schnitte vorzustellen, Stoffe zu besprechen, Anpassungen, Verarbeitung und Fortschritte zu dokumentieren. Das war lehrreich, motivierend und über viele Jahre auch gemeinschaftsstiftend. Als ich zu schreiben begann, kannte ich in meinem Umfeld niemanden, der nähte. Das Blog war ein Treffpunkt: Hier gab es Austausch, Ermutigung und das Gefühl, mit dem eigenen Interesse nicht allein zu sein. Das Zeigen von Selbstgenähtem war die Eintrittskarte, um Zutritt zu dieser virtuellen Gemeinschaft zu erhalten.

Inzwischen hat sich zweierlei verändert.

Zum einen ich selbst: Bei der Wahl des Lieblings 2025 ist mir aufgefallen, dass ich nur einen Bruchteil meiner Nähprojekte auf dem Blog gezeigt und stattdessen über vieles andere gebloggt habe – wenn in der Regel auch mit textilem Bezug. Passform und Verarbeitung allein interessieren mich nicht mehr, sondern die Hintergründe: Warum nähen wir, was wir nähen? Welche Geschichten tragen Stoffe und Schnitte in sich – jenseits von „gelungen“ oder „misslungen“?

Zum anderen hat sich auch das Selbermachen deutlich gewandelt. Nicht nur Blogs – DIY insgesamt hat an Selbstverständlichkeit verloren. Insolvenzen und Übernahmen, selbst bei großen Schnittmusterfirmen (den Big Four), oder das Ende etablierter Plattformen wie Makerist sind sichtbare Zeichen dafür, dass Nähen nicht mehr „en vogue“ ist. Sicherlich wird DIY nicht verschwinden, aber es ist leiser geworden, weniger ein Massenphänomen. Vor diesem Hintergrund haben sich auch die Orte verschoben, an denen Inhalte entstehen und zirkulieren. Vieles ist flüchtiger geworden, stärker auf den Moment als auf Dauer angelegt. Der Feed hat das Archiv weitgehend abgelöst. Was bleibt, ist weniger das Nachlesen als das Weiterwischen.

Diese Entwicklungen laufen parallel zu meiner eigenen Veränderung. Und irgendwo in ihrer Überlagerung liegt vermutlich der Grund, warum mir das Zeigen von Selbstgenähtem nicht mehr so wichtig ist wie früher. Nicht, weil Nähen für mich an Bedeutung verloren hätte – im Gegenteil. Sondern weil sich mein Interesse beim Schreiben verlagert hat: weg vom Ergebnis, hin zum Kontext, der über die eigene Nähpraxis hinausweist.

Gleichzeitig habe ich im vergangenen Jahr noch einmal erfahren, wie tragfähig Gemeinschaft sein kann. Den Hemdblusenkleid-Sew-Along gemeinsam mit Tina (sienaehtschonwieder.de) zu hosten, war für mich ein schönes, unerwartetes Revival. Für eine Zeit entstand wieder das, was die frühe Nähbloggerszene ausgezeichnet hat: gemeinsames Dranbleiben, wohlwollendes Mitlesen, echtes Interesse aneinander. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass Gemeinschaft nicht verschwunden ist – sie ist heute nur punktueller und fragmentierter.

In meinen eigenen Texten hat sich dennoch eine Verschiebung vollzogen, wenn ich meine Posts des letzten Jahres Revue passieren lasse. Ich schreibe inzwischen weniger aus dem Wunsch nach Zugehörigkeit heraus, sondern stärker aus einer historischen und kulturellen Perspektive. Mich reizt die Idee, (Alltags-)Geschichte(n) anhand von Bekleidung zu erzählen. Nähbloggen ist für mich weniger Dokumentation als eine Form des Nachdenkens geworden.

August

Bei aller Veränderung bleibt Dankbarkeit. Die Nähbloggerszene hat mich über viele Jahre begleitet, getragen und geprägt. Ohne den Austausch, die gegenseitige Ermutigung, die gemeinsamen Projekte und das stille Mitlesen vieler anderer wäre dieser Blog nicht das geworden, was er heute ist. Vieles von dem, was ich gelernt habe – nähend wie schreibend – verdanke ich dieser Gemeinschaft. Auch wenn sich Formen und Orte des Austauschs verändert haben, bleibt diese Zeit ein wichtiger Teil meiner Bloggeschichte.

Juli

Mit Neugier gehe ich ins neue Jahr.
Ohne festen Plan, aber mit dem Vertrauen, dass sich der nächste Schritt zeigen wird.

Ich wünsche Euch ein glückliches 2026!

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14 Kommentare

  1. Das hast du ganz wunderbar geschrieben, es fasst das in Worte, was ich auch spüre, auch wenn ich noch alles, was ich nähe, verblogge, um mein Tagebuch zu haben, um zurück zu blicken. Ich bin froh, über all diejenigen, die ich kennen gelernt habe durch den Blog in all den Jahren, diese Treffen sind mir soviel wert, es wird Zeit, dass wir uns auch mal wieder sehen, leider bist du so weit weg bzw. es zieht mich nicht mehr nach Berlin. Liebe Grüße und vor allem auch ein gutes wunderbares (Näh-) Jahr 2026, Anja

    • Manuela

      Das kann ich gut nachvollziehen, was du über deinen Blog als (Näh-)Tagebuch schreibst. Es ist ja auch die ursprünglichste Form des Bloggens – und wenn man aus dieser Motivation heraus schreibt, kann es nach wie vor erfüllend sein.
      Natürlich hoffe ich, gerade weil ich deinen experimentellen Ansatz so mag, dass du uns auch weiterhin an deinen Projekten teilhaben lässt.
      Ja, es wäre schön, sich irgendwann einmal wiederzusehen – vielleicht ergibt sich ja eine Gelegenheit. Bis dahin erfüllt das Bloggen ja doch noch (s)eine kommunikative Funktion: über die Distanz in Verbindung zu bleiben.
      Liebe Grüße, Manuela

  2. Sehr schön in Worte gefasst, deine Gedanken. Mit ein Grund, warum ich so gerne bei dir lese. Ich selbst bin erst so spät ins Nähbloggen eingestiegen (schreibenderweise, gelesen habe ich Blogs schon viele Jahre früher), dass ich mit meiner Entwicklung noch ganz woanders stehe. Aber auch mein Bloggen hat sich verändert, statt nähen nehmen nun auch andere Dinge Raum ein, und es ist gut so. Ich bin sehr gespannt zu sehen, wohin dich deine Blogreise führt, zumindest klingt es zum Glück nicht nach Ende, sondern nach Entwicklung und Umorientierung. Finde ich es doch schade, dass immer mehr Blogs aufhören und die generelle Entwicklung hin zu “schnell und weiter” geht. Und ja bitte, eine historische und kulturelle Perspektive in deinen Blogartikeln freut mich immer.
    Auf ein wunderbares neues Blog- und Nähjahr und überhaupt Jahr 2026 und liebe Grüße, heike

    • Manuela

      Ich finde es spannend, was du über deinen eigenen Weg schreibst: dass sich offenbar für jede von uns zu unterschiedlichen Zeitpunkten auch unterschiedliche Fragen stellen. Und ja, dass sich Themen beim Nähen und Bloggen im Laufe der Zeit verschieben, empfinde ich inzwischen eher als Zeichen von Lebendigkeit als von Abkehr.
      Deine Worte bestärken mich sehr darin, die im letzten Jahr eingeschlagene Richtung weiter zu verfolgen. Danke! Und keine Sorge: Es fühlt sich für mich tatsächlich mehr nach Entwicklung als nach Abschied an.
      Liebe Grüße, Manuela

  3. ‘The same procedure as every year’ oder eher die Konstanz in der Veränderung?
    Ich lese deine alten Einträge gerne aus der technischen Sicht und deine neueren aus einer Wissensperspektive. Beides schätze ich sehr, also bleibe ich gespannt und zuversichtlich. Ich weiß, dass ich deine nächsten Beiträge gerne mögen werde.
    Grüße, Tina

    • Manuela

      Dank dir für deinen schönen Kommentar.
      „Konstanz in der Veränderung“ trifft es tatsächlich sehr gut – rückblickend vielleicht sogar besser als das berühmte Zitat aus Dinner for One.
      Es freut mich sehr, dass du sowohl die älteren als auch die neueren Beiträge schätzt – und besonders, dass die älteren offenbar noch gelesen werden.
      Deine Zuversicht nehme ich gern mit.
      Liebe Grüße Manuela

  4. Jeannine Thibaut

    Ein sehr interessanter Blogpost (wie immer ), man muß einfach weiterlesen bis ans Ende weil du wirklich etwas sagst. Was du beschreibst würde ich unter “shifting baselines” katalogisieren. Altes geht, Neues kommt, aber es ist mehr als nur das……
    Liebe Grüße
    Jeannine

    • Manuela

      Herzlichen Dank für deinen aufmerksamen Kommentar – das freut mich sehr.
      „Shifting baselines“ ist ein spannender Begriff dafür; er beschreibt gut, dass es hier weniger um Ablösung als um eine schleichende Verschiebung der Maßstäbe geht. Umso schöner, dass du darin mehr als nur einen Wechsel wahrnimmst.
      Liebe Grüße Manuela

  5. Liebe Manuela,
    Als ich Deinen Post gelesen habe, hatte ich in der Mitte so ein mulmiges Gefühl, das klang so nach Abschied. Jetzt am Ende bin ich froh, dass es weiter geht. Ich lese Deine Posts immer gerne, so genau wie Du setzen sich wenige mit Schnitten, Materialien und Hintergründen auseinander.
    Ich habe aus fast den gleichen Gründen mit dem Bloggen angefangen wie Du, aber tatsächlich ist das Bloggen für mich immer noch fast die einzige Möglichkeit, mit anderen Nähenden in Kontakt zu treten, denn hier in meiner Umgebung kenne ich keinen, der so wie ich für sich selber näht. Aber auch bei mir merke ich, wie sich der Fokus verschiebt, mal sehen, wo die Reise hingeht.
    Auf Deine Reise bin ich gespannt, und ich freue mich darauf, sie virtuell begleiten zu dürfen.
    Ich wünsche Dir ein glückliches und kreatives Neues Jahr,
    Liebe Grüße, Stefanie

    • Manuela

      Vielen Dank für deine offenen und lieben Worte. Ich wollte dich nicht beunruhigen. Tatsächlich nutze ich die Zeit zwischen den Jahren gern zur Bilanzierung verschiedener Lebensbereiche: Was möchte ich ins nächste Jahr mitnehmen, was vielleicht auch loslassen.
      Wenn es um Kontakt geht, ist Bloggen sicherlich eine Möglichkeit – wenn auch nicht mehr die einzige oder vielleicht beste. Wie sich die Orte des Austauschs weiter verändern, bleibt abzuwarten.
      Umso mehr freut es mich zu lesen, dass du mich weiterhin begleitest.
      Herzliche Grüße Manuela

  6. Kleidung unter kulturellen und historischen Aspekten zu betrachten ist eigentlich genau das, womit sich der Studiengang “Materielle Kultur” auseinandersetzt. Da fühle ich mich gleich zurückversetzt in die Zeit meiner Gasthörerschaft im Sommer 2024. Es ist interessant, welche Geschichten sich mit Kleidungsstücken verbinden. Oftmals sind sie nicht nur rein persönlich sondern auch repräsentativ für eine Gesellschaftschicht oder Zeit. Die Nähszene ist da, glaube ich, noch gar nicht so wirklich beleuchtet.
    Ich finde allerdings, der wissenschaftliche Zugang zu Textilien und Kleidung ist schwierig, wenn er von eher soziologisch ausgerichteten Personen betrieben wird, denen der tatsächliche Praxisbezug eigentlich fehlt. Mein Gefühl war da etwas zwiespältig. –
    Lasst uns also weiter über Mode reden! Ich lese sehr gern über Ausstellungsbesuche oder andere Beobachtungen. Es muss nicht immer Selbstgenähtes sein. Ich finde dein Blog auch ohne MMM!

    • Manuela

      Dein Bezug zur materiellen Kultur leuchtet mir sofort ein – auch wenn ich beim Schreiben eher an A History in Objects von Neil MacGregor gedacht habe.
      Dein zwiespältiger Eindruck von dem Studiengang macht mich neugierig: Was genau hast du dort vermisst oder als schwierig empfunden?
      Aber keine Sorge: Dies wird kein Hörsaal, sondern ich halte auf dem Blog meine persönlichen Beobachtungen fest – umso mehr freue ich mich, wenn daraus Gespräche entstehen.
      Und ja, sehr gern: weiter über Mode reden, in all ihren Facetten. Und natürlich bin ich auch weiterhin ab und an beim MMM dabei.
      Liebe Grüße Manuela

  7. Was für ein toller Mantel und was für ein schönes Kleid! Ich habe in 2025 fast gar nicht in den Blogs gestöbert und auch nichts gepostet – wie ich sehe habe ich bei Dir wieder mal eine Menge verpasst!
    LG Kuestensocke

    • Manuela

      Wie schön, von dir zu lesen. Danke dir für die lieben Worte zu Mantel und Kleid. Und ja, manchmal ist man eine Weile weg und kommt dann wieder – umso schöner. Willkommen zurück!
      Liebe Grüße Manuela

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