Zwischen Laufsteg & Lebenswirklichkeit (Teil 2/3)

Verspätet geht es heute weiter mit meiner Challenge Zwischen Laufsteg und Lebenswirklichkeit. Zur Erinnerung: Ich hacke eine Hose aus der RTW-Kollektion Herbst/Winter 2024/25 von Givenchy.

Auf den ersten Blick wirkt dieser Pattern Hack nicht allzu schwierig. Es gibt sicherlich spektakulärere Konstruktionen als eine Bundfaltenhose mit moderater Weite und gerade geschnittenem, bodenlangem Bein. Der Bund sitzt leicht unterhalb der natürlichen Taille. Die Vorderhose hat eine Bundfalte (italienische Legung), die in die Bügelfalte übergeht. Bei der Hinterhose wird der Taillenausfall höchstwahrscheinlich über Abnäher organisiert. In einer Kollektion, die klassisches Tailoring einsetzt, um die DNA von Givenchy zu stabilisieren (die Marke war durch die schnellen Designer- und Richtungswechsel zu diesem Zeitpunkt angeschlagen), sind vorn Hüftpassentaschen und hinten eine Paspeltasche naheliegend.

Wenn etwas an dieser Hose auffällt, dann, dass sie nicht auffällt. Ins Auge springt allein die vertikale Linie, die sie in den Raum schreibt. Mir hat es die Architektur dieser Hose angetan – die Weite, die optisch nach unten gezogen wird und sich in der Bewegung entfaltet, als beschreibe sie eine Endlosschleife um die Knöchel.

Kurzum: eine vergleichsweise eingängige Konstruktion. Man senkt im ersten Schritt die Leibhöhe des Grundschnittes (bzw. eines auf den eigenen Körper angepassten klassischen Hosenschnittes), fügt die Bundfalte in der Vorderhose ein und stellt die Beine an der Innenbein- und Seitennaht zum Saum hin aus. Und hier beginnt die eigentliche Übersetzungsarbeit. Während sich die Ausstellweite noch relativ gut kalkulieren lässt – Soll-Umfang minus Ist-Umfang ergibt die Ausstellweite, verteilt auf vier Nähte (Seitennaht und Innenbeinnaht von Vorder- und Hinterhose) – ist die Frage nach dem Wann und Wie der Ausstellung nicht so einfach. Es gibt unzählige Möglichkeiten, Weite zuzuführen, und jede verändert die Wirkung der Silhouette. Genau hier entscheidet sich der Look.

+++

Hinzu kommt, dass meine körperliche Realität eine andere ist. Abgesehen vom Offensichtlichen, dass ich nicht die Maße eines Laufstegmodels mitbringe, unterscheiden wir uns auch in Proportion und Haltung. Der U-Ausschnitt des Tops würde bei mir bis zum Bauchnabel reichen, mein Becken ist sowohl runder als auch stärker geneigt. Die Hosenbeine der Givenchy-Hose dürften „straight cut“ sein. Wie die erste Version des Probemodells zeigt, führt ein Ausstellen und Begradigen der Seitennaht vom Oberschenkel zum Saum hin bei mir jedoch nicht zur gewünschten Wirkung: Die Weite fällt nicht, sondern sammelt sich seitlich.

Spätestens hier wird deutlich, dass Runway-Looks sich nicht über Maße reproduzieren lassen. Nicht jede Konstruktion entfaltet an jedem Körper dieselbe Wirkung. Entscheidend ist daher weniger, wie viel Weite hinzugegeben wird, als vielmehr, wo und wie sie im Verhältnis zum Körper verortet ist. Jeder Körper bildet sein eigenes Koordinatensystem, in dem neu zu bestimmen ist, mit welchen konstruktiven Mitteln sich vergleichbare Effekte erzeugen lassen. Referenzen sind keine Baupläne, sondern Beschreibungen von Wirkungen. Es geht folglich weniger um Maße als um Prinzipien.

Jahrelang habe ich mich gefragt, warum Maßschneider*innen (einschließlich meiner Großmutter) auf die Frage „Wie viele Zentimeter gibst du hier dazu?“ so zögerlich reagieren. Vielleicht, weil sie weniger in Zahlen als in Kräften denken – in Zug und Fall, in Linien und Relationen. Ein Maßschnitt ist für mich daher nie bloß die Summe der gemessenen Werte, sondern das Ergebnis einer Reihe von Entscheidungen: eines Aushandeln zwischen Design, Körper und Stoff.

+++

Praktisch umgesetzt sehen diese Überlegungen, ein paar Wochen und Probemodelle später, so aus:

Die leichten diagonalen Spannungsfalten schaue ich mir nochmals an, wenn ich die Hüftpassentaschen und den Frontverschluss konstruiert habe.

Ich habe die Weite verzögert und erst ab Knie ausgestellt, um sie von der Seitennaht weg zu verlagern, und eine langgezogene Kurve gezeichnet (für „straight cut“ statt „boot cut“). Da mein Ziel weniger ein nach Lehrbuch „korrekter“ Schnitt ist als die Übersetzung der Givenchy-Silhouette auf meine körperliche Realität, habe ich nicht identisch ausgestellt, sondern außen mehr als innen, hinten mehr als vorne. Das Volumen liegt nun dort, wo ich Raum brauche – in der Hinterhose (auch wenn ich den Umfang des Hosenbeins um einige Zentimeter reduziert habe).

Bei diesem Probemodell habe ich mich zudem für Leibhöhe sowie Faltenbreite und -tiefe entschieden und einen Formbund gezeichnet, der sich hoffentlich wie ein gerader Bund liest. Darauf lässt sich aufbauen. Fehlen nur noch Ober- und Untertritt, die Taschen – und das Nähen der finalen Hose. Das ist doch schnell gemacht. Ha-ha. Ich hoffe, euch das fertige Modell Ende März zeigen zu können.

← Vorheriger Beitrag

Nächster Beitrag →

16 Kommentare

  1. Hast Du den Hosensaum mit etwas Einlage verstärkt? Ein Streifen G785 wirkt da Wunder. Ist nicht steif, aber der Saum fällt nicht so leicht in sich zusammen.
    Bei dem Blick in das Schnittkonstruktionsbuch hätte ich auch eher auf die Silhouette ganz links getippt. Könnten die diagonalen Spannungsfalten eventuell an zuviel Stoff an der Oberkante auf Höhe der Abnäher liegen? In der Mitte sieht ja alles gut aus, vielleicht passt die Rundung der Hosenoberkante nicht ganz zur Rundung des Formbundes.
    Weiter viel Erfolg,
    Herzliche Grüße, Stefanie

    • Manuela

      Hast du das Buch erkannt? Nochmals herzlichen Dank.
      Den Saum habe ich bisher noch nicht mit Einlage verstärkt – das kommt tatsächlich erst beim finalen Modell infrage. Beim Givenchy-Original beginnt die Weitenentwicklung vermutlich schon höher. In dem (hier) zweiten Probemodell habe ich sie bewusst tiefer angesetzt und das Volumen anders verteilt – als Übersetzung auf meine Proportionen.
      Für die Spannungsfältchen habe ich derzeit verschiedene Hypothesen; sie treten bislang nur bei den Probemodellen aus alter Bettwäsche auf und zudem haltungs- bzw. bewegungsabhängig.
      Danke fürs Mitdenken & liebe Grüße, Manuela

  2. Superinteressant dein Artikel, der Körper und was man will bzw. welche Wirkung man erzeugen will, sind einfach das A und O, ich glaube deswegen ist auch die Enttäuschung vieler Sewistas beim Nähen bestimmter Schnittmuster und/oder beim Kauf von Onlinekleidung und auch im Laden so groß, die Wirkung entfaltet sich erst am Körper und da idealerweise in der Bewegung, für die das Kleidungsstück gedacht ist oder eben Rumsitzen ohne Bewegen, haha, schön, dass du das so auf den Punkt gebracht hast. LG Anja

    • Manuela

      Dankeschön!
      Einige Labels (v. a. Indie) versuchen ja, diesem Umstand Rechnung zu tragen, indem sie ihre Schnittmuster an unterschiedlichen Körpern zeigen und nicht alle Größen aus demselben Grundschnitt entwickeln. Das hat meiner Meinung nach nicht nur mit Repräsentation zu tun, sondern auch mit der Einsicht, dass eine Konstruktion nur innerhalb eines bestimmten Spektrums wirklich funktioniert.
      Liebe Grüße, Manuela

  3. Wie genau die interpretierst und überlegst! Da juckt es in den Fingern, mit zu machen. Ich würde so gerne so viel mehr von Schnittkonstruktion verstehen. Einen Schnitt nehmen und sehen, was kleine Änderungen jeweils bewirken. Im immer gleichen Stoff, der macht natürlich viel aus.
    Im Prinzip habe ich mir kürzlich eine ganz ähnliche Hose genäht, aus einem karierten Wollstoff. Die Beine weit, aber nicht zu weit, Höhe bis unter Taille, Bundfalte. Die Beine fielen leider auch sehr in sich zusammen, ich habe versucht, dem zu entgegnen, indem ich den Saum doppelt hochgeschlagen habe, damit er mehr Stand hat. Was die Hose zur bequemsten und angenehmsten Hose macht, die ich derzeit habe: sie ist gefüttert. Das ändert auch den Fall, viel besser jetzt. Vielleicht auch eine Option für deine Hose?
    Liebe Grüße Christiane

    • Manuela

      Du bist herzlich eingeladen mitzumachen – das würde mich sehr freuen!
      Du sprichst einen wichtigen Punkt an: Der Stoff macht tatsächlich enorm viel aus. Wollstoffe sind in der Diagonale oft deutlich „großzügiger“ als unzählige Male gewaschene Baumwollbettwäsche, mit der ich hier arbeite.
      Und ja, Fütterung ist definitiv eine Option. Ich plane, die Hose vorne zu füttern und die Hüftpassentaschen bis zur vorderen Mitte zu führen – das stabilisiert die Front und kann helfen, die Tragehöhe ruhiger zu halten.
      Liebe Grüße, Manuela

  4. Puh, ich oute mich hier dann mal als Sonntagsnäherin, die so gar keinen Zugang zu Schnittkonstruktion hat. Und stelle fest, dass ich wohl einigermaßen Glück hatte mit Stoff und Schnitt der Marlenehose, die ich heute trage. Verbessern könnte man bei der aber auch einiges. Ich bewundere also deinen Zugang und auch dein Durchhaltevermögen grenzenlos. Nicht nur ein Probemodell, nein, gleich mehrere. Jetzt bin ich natürlich umso mehr gespannt auf die fertige Hose. Gelernt habe ich auch einiges.
    Liebe Grüße, heike

    • Manuela

      Ach nein, nicht Sonntagsnäherin, einfach einen anderen Fokus. Meine Spielerei zeigt ja auch, dass es selbst bei einem angepasstem Grundschnitt weitere Probemodelle zur finalen Hose braucht. Bei Hosen gelten 5-6 Proben noch als normaler Workflow, auch wenn Hosen sicherlich das Extrem sind. Dank Dir und liebe Grüße Manuela

  5. Vorder- und Hinterhose unterschiedlich zu erweitern habe ich so nicht gelernt, aber ich schaue interessiert zu. Bisher habe ich Bundfaltenhosen mit einem geraden Bund über Taillelinie sitzend gearbeitet und bin zufrieden damit. Für den Saum gibt es ja auch Hosenbänder, funktioniert gut, finde ich. Frohes Schaffen! Regina

    • Manuela

      Vielen Dank dir! In vielen Lehrbüchern wird tatsächlich empfohlen, Vorder- und Hinterhose identisch zu erweitern. In der Praxis – besonders im Tailoring – wird Weite jedoch oft bewusst unterschiedlich verteilt. Einiges deutet darauf hin, dass auch Hubert de Givenchy aus dieser maßschneiderischen Tradition heraus gearbeitet hat – mit einem Vorrang der Silhouette gegenüber konstruktiver Symmetrie.
      Liebe Grüße, Manuela

  6. Liebe Manuela, das ist der mit Abstand erhellendste Beitrag, den ich je über Passform von Hosen gelesen habe. Jetzt ist mir klar, warum manche Hosenformen an meinem Körper nicht den gewünschten Look erzeugen.
    Danke für die Mühe das zu dokumentieren und mit Fotos zu teilen, Anna

    • Manuela

      Liebe Anna, vielen Dank für Deinen netten Kommentar – darüber habe ich mich wirklich sehr gefreut! Jetzt bin ich natürlich neugierig: Welche Hosenform funktioniert bei Dir besonders gut und welche eher nicht?
      Liebe Grüße, Manuela

  7. Liebe Manuela, Culottes funktionieren bei mir leider nicht. Und taillenhohe Hosen haben früher nicht funktioniert, dank 10 Kilo mehr sitzen sie besser. Dafür sehen Hüfthosen jetzt unproportioniert aus .
    Prinzipiell habe ich dank deines Beitrags begriffen, dass bei den Hosen, in denen ich mich wohl fühle, die hinteren Hosenbeine mehr Stoff haben. Sehr interessant. Ich bin gespannt, was deine Versuche noch für Erkenntnisse bringen. Liebe Grüße, Anna

    • Manuela

      Danke, dass Du Deine Erfahrung hier geteilt hast – solche Rückmeldungen finde ich immer wertvoll, weil sie meinen Beitrag um eine weitere Erfahrung ergänzen. Liebe Grüße, Manuela

  8. Hallo, Manuela, gerade habe ich deinen Live-Hack entdeckt. Bin begeistert! Ich verstehe so gut, wie anziehend es ist, einen Schnitt eines wirklich hervorragenden Couturiers zu entschlüsseln. Diese Hosen haben einen so unglaublich schönen “Schlag”, dazu muss man keine Highheels tragen oder gehen wie auf einem Catwalk.
    Allein durch deine Beschreibung deiner Überlegungen und der Veränderungen habe ich schon wieder viel gelernt. Was ist das für ein Buch, das du abgebildet hast?
    Ich bin mit Nähen aufgewachsen, meine Mutter nähte immer für sich, mich und meine drei jüngeren Schwestern. Hab also schon früh die Qualitäten des Nähens von Hand, die Bedeutung des Fädenvernähens, wie man Schnittmuster ausradelt, anpasst usw. kennengelernt. Und nähe – wieder – recht viel, recht Unterschiedliches.
    Aber an eine Hose habe ich mich noch nicht herangetraut (obwohl schöne, geeignete Stoffe im Vorrat lagern). Den Mut dazu hast du mir mit deinem Beitrag gegeben. Das geduldige Probieren an den vermeintlich so eindeutigen Stellen lohnt sich.
    Ich trage am liebsten taillenhohe Hosen. Seltsamerweise stehen und gefallen mir nur selten Bundfaltenhosen, normalerweise sehe ich aus wie eine rollende Konservenbüchse, “trotz” Gr. 38. Nur die wirklich teuren, nicht dramatisch weiten (“Palazzo”), sondern “eleganten” funktionieren, sind aber way to expensive.
    Jetzt werde ich das selbst in die Hand nehmen. Hast du eine Schnittgrundlage? Wie finde ich eine gute?
    Ich danke dir sehr, dass du hier so viel teilst. Eine große Freude. Liebe Grüße – Ulrike

    • Manuela

      Vielen Dank für deine herzlichen Worte!
      Das Buch ist der Hofenbitzer – neben Müller & Sohn eines der Standardwerke zur Schnittkonstruktion im deutschsprachigen Raum. Es gibt zwei Bände: Band 1 zur Konstruktion und Abwandlung, Band 2 zu Maßschnitten und Passform. Gerade der zweite ist auch dann hilfreich, wenn man mit Fertigschnitten arbeitet.
      Was die Schnittgrundlage angeht: Entweder selbst konstruieren (z. B. nach den genannten Schnittsystemen) oder einen gut sitzenden Hosenschnitt Schritt für Schritt anpassen. In der deutschsprachigen Nähcommunity wird aktuell viel über Smart Pattern gesprochen (habe ich selbst noch nicht ausprobiert).
      Viel Freude beim Ausprobieren!
      Liebe Grüße, Manuela

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert