Mein Reiseführer handelt Lavelanet mit wenigen Worten ab: touristisch eher uninteressant. Ganz unrecht hat er damit nicht. Wer die üblichen Fotomotive sucht – Lavendelfelder, bunt bemalte Holzladenfronten, pittoreske Gassen –, findet in Südfrankreich sicherlich geeignetere Orte.
Wie Heikes (3hefecit) Monatsspaziergang im September widmet sich auch mein Beitrag einem ehemaligen Industriestädtchen.* Lavelanet und das Pays d’Olmes waren über Jahrhunderte von der Textilherstellung geprägt; und wer sich wie ich für Mode und Textilien interessiert, landet früher oder später im Musée du Textile et du Peigne en Corne.
Wobei der Name vielleicht ein wenig in die Irre führt. Wer ein Museum mit einer Stoff-, Kostüm- oder Modesammlung erwartet, könnte enttäuscht sein. Eigentlich ist es eher ein Textilmaschinenmuseum. Natürlich erfährt man auch einiges darüber, wie zu unterschiedlichen Zeiten aus Fasern zunächst Garn und schließlich Stoff wurde. Vor allem aber werden Textilmaschinen gezeigt: zum Kardieren, Spinnen, Zwirnen, Weben und Stricken. Viele stammen aus den ehemaligen Betrieben der Umgebung, einige sind noch funktionsfähig.
Das Museum befindet sich selbst in einer ehemaligen Textilfabrik, der Fabrik Dumons aus dem 19. Jahrhundert. Anfang der 1980er-Jahre begannen ehemalige Mitarbeiter*innen der örtlichen Textilindustrie, Maschinen, Werkzeuge und Dokumente zu sammeln. Im Grunde entstand das Museum also in dem Moment, in dem die Industrie, an die es erinnert, ringsum zu verschwinden begann.
Dass die Initiative für das Museum von den Leuten vor Ort ausging, finde ich sehr sympathisch. Dadurch hat es etwas Identitätsstiftendes – und diesen Bezug zur eigenen Geschichte merkte man auch den Museumsmitarbeiter*innen an. Es macht mich immer etwas traurig, wenn ehemalige Industriestandorte nach ihrem Niedergang erst zur trendigen Kulturkulisse werden und anschließend für diejenigen unbezahlbar sind, deren Arbeit diese Orte geprägt hat.




Die Textilherstellung im Pays d’Olmes reicht bis ins Mittelalter zurück. Zunächst wurde die Wolle von Schafen aus der Umgebung, sprich den Pyrenäen und ihrem Vorland verarbeitet. Mit der Industrialisierung verlagerte sich das Zentrum der Textilproduktion nach Lavelanet. Zunehmend wurde Wolle aus Südamerika importiert. Daneben entstanden aus sogenannten laines renaissance neue Stoffe aus recycelten Wollfasern. Kreislaufwirtschaft ist also keineswegs eine Erfindung unserer Zeit, auch wenn sie damals vermutlich eher ökonomisch als ökologisch motiviert war.
Die Industrie veränderte den Ort. Fabriken entstanden entlang des Flusses; Schornsteine und Sheddächer prägten das Stadtbild von Lavelanet und Umgebung. Ihre große Zeit erlebte die Region während der Trente Glorieuses, der französischen Wirtschaftswunderjahre von 1945 bis 1975. Das Pays d’Olmes wurde zu einem der führenden Zentren für Wollstoffe in Frankreich.
Wie vielerorts in Europa begann Ende der 1970er Jahre der Niedergang der Textilindustrie in Lavelanet und beschleunigte sich in den folgenden Jahrzehnten. Und auch die Gründe waren ähnlich: Mit dem Abbau von Handelsbeschränkungen drängten billigere Textilien aus Asien auf den europäischen Markt. Die Unternehmen gerieten unter globalen Preisdruck und konnten mit den dortigen Produktions- und Lohnkosten nicht mithalten. Jahrhundertelang war das Pays d’Olmes auf Wolle spezialisiert. Mit dem Aufstieg von Fast Fashion verschärfte sich die Situation weiter. Wollstoffe verloren gegenüber synthetischen Fasern und Mischgeweben an Bedeutung.


Die Geschichte erinnert mich an Biella – nach wie vor ein bedeutendes Zentrum der italienischen Wollstoffproduktion. Das Städtchen im Piemont liegt ebenfalls am Rande eines Gebirges, produziert seit Jahrhunderten Wollstoffe und war wirtschaftlich stark von dieser Industrie abhängig. Auch dort schrumpfte die Textilindustrie im Zuge der Globalisierung erheblich. Einige italienische Unternehmen traten die Flucht nach vorn an und konzentrierten sich auf das obere Preissegment. Mit hochwertigen Wollstoffen für die internationale Luxusmode hat sich Biella neu erfunden. Hersteller wie Zegna, Loro Piana oder Vitale Barberis Canonico sind heute selbst bekannte Namen, deren Stoffe entsprechend hohe Preise erzielen.
Eine vergleichbare Entwicklung nahm die Industrie im Pays d’Olmes nicht. Zwar gelang einzelnen Unternehmen der Wechsel zu technischen Textilien. Die traditionelle Produktion von Wollstoffen für Bekleidung verschwand dagegen nahezu vollständig.

Fazit: Ein spannendes kleines Museum für alle, die sich für Textilgeschichte und Industriekultur interessieren.
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* Eigentlich sollte dieser Beitrag im September im Rahmen des Monatsspaziergangs erscheinen, ich habe es nicht rechtzeitig geschafft. Zurzeit leider symptomatisch.
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