12 von 12 – Februar 2026

Heute ist wieder der Zwölfte des Monats – der Tag, an dem Caro (Draußen nur Kännchen!) unsere Bilder sammelt. Ausnahmsweise habe ich 12 von 12 nicht vergessen, wie leider so oft im Alltag. Zugegeben: Es ist mir gerade erst eingefallen, während ich beim späten Mittagessen in einem kleinen japanischen Restaurant sitze und mich frage, was ich mit meinem freien Nachmittag anfangen soll, bevor es heute Abend ins Theater geht.

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Während ich mein Vegetarisch-Don genieße (Reis mit Karotten, Algen und pochiertem Ei), beschließe ich, mich endlich um die Fertigstellung von Sumaya zu kümmern. Ein Blüschen, das in meinen Augen japanisch anmutet – allerdings weniger im Sinne von Kimono & Co. oder den oft zart-verspielten japanischen Schnittmusterbüchern.

Sumaya wirkt intellektueller, sprich sperriger: ein Schnitt mit auffälliger Drapierung um den Hals, die überkreuzt verläuft und im Nacken mit Knöpfen und Schlaufen geschlossen wird. Die Silhouette erinnert mich an die japanische Mode der 1980er Jahre – etwa bei Rei Kawakubo (Comme des Garçons) oder Yohji Yamamoto – insofern, als sich die Konstruktion von den Proportionen des Körpers löst. Sie umhüllt ihn eher, bildet einen Kokon, statt an eine Gliederpuppe zu erinnern.

Im Januar hatte ich voller Enthusiasmus begonnen. Inzwischen ahne ich, warum ich im Netz kaum Umsetzungen gefunden habe. Das Probemodell zeigte schnell: Sumaya funktioniert nur in einem begrenzten Rahmen – sowohl in Bezug auf Passform als auch auf den Stoff. Brusttiefe und Schulterneigung müssen genau stimmen, sonst würgt die Drapierung (optisch) oder die Bluse kollabiert im Schulterbereich (sie ist für Polster konstruiert).

Auch der Stoff ist heikel: Er muss zugleich weich und schwer fallen, damit die Drapierung nicht wie unmotivierter Stoffsalat wirkt. Viele Seiden- und Viskosestoffe mit geringer Grammatur scheiden damit aus. Ideal wären Crêpe Marocain oder Waschseide (Tencel/Lyocell) – wegen ihres Gewichts und der matten Oberfläche.

Als wäre das nicht genug, habe ich es mir zusätzlich schwer gemacht: Die in der Anleitung empfohlene Versäuberung mit der Kettelmaschine gefiel mir nicht. Gegen gekettelte Kanten habe ich nichts – innen. Hier könnten sie bei Bewegung sichtbar werden. Also Rollsäume bei der Drapierung. Und wenn man schon dabei ist: gleich alle anderen Kanten mit Hongkong-Finish. Bedeutet: erst einmal 8 m Schrägband herstellen. Lange Rede, kurzer Sinn: Auf der Zielgeraden hat mich die Energie verlassen. Es fehlen noch Knöpfe, das Finish der Armlöcher und Schulterpolster. Habe ich nicht kürzlich noch getönt, mit UFOs könne ich nicht dienen?

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Also los. Zuerst nach Hause – Stoff holen und Knöpfe beziehen lassen. Eine der wenigen Adressen dafür ist die Inhaberin von Knopf und Schnalle.

Vorher schaue ich noch bei Yavas vorbei, auf der Suche nach Material für die Schulterpolster. Die fertigen Varianten sagen mir weder in Stärke noch Material zu. Auf meine Frage nach Cotton Padding ernte ich ratlose Blicke, erwähne aber – vielleicht im Hinblick auf den Theaterabend – auch Molton. Die beiden lächeln, verschwinden im Keller, und ich bewundere derweil wieder einmal ein Objekt der Begierde (eine kleine Dampfbügel-Station). Kurz darauf eile ich mit einem halben Meter Molton durch den Regen.

Es dämmert schon, als ich bei Knopf und Schnalle ankomme. Wenn ich ein paar Minuten warten könne, würde sie mir die Knöpfe gleich beziehen. Ich empfinde es als Geschenk, dass es ein paar solcher Läden in Berlin noch gibt. Damit kann ich die Bluse am Wochenende beenden – der angekündigte Post verschiebt sich dadurch leider.

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Ein Geschenk ist auch dieser Abend im Berliner Ensemble: De Profundis (Aus der Tiefe) von Oscar Wilde, verkörpert von Jens Harzer in einer Inszenierung von Oliver Reese. Es ist zum Niederknien. Allein die schauspielerische Leistung: Nicht nur, dass Harzer den Abend allein vor vollem Haus bestreitet (das Theater am Schiffbauerdamm – fast 700 Personen!), er tut es auf einer Fläche von 1,30 m². Hinzu kommt, dass De Profundis als Brief – eine Mischung aus Anklage, Liebeserklärung und Selbstkritik –, den Wilde im Gefängnis schrieb, in diesem Sinne keine Handlung hat.

Und ich entdecke an diesem Abend auch einen anderen Oscar Wilde. Wie vermutlich vielen war mir Wilde weniger als Autor ein Begriff (abgesehen von seinem Roman Das Bildnis des Dorian Gray), sondern als Modeerscheinung im wahrsten Sinne des Wortes: jemand, der den eigenen Lebensstil durch exzentrisches Auftreten, brillanten Witz und Provokation vermarktete. Ich denke u. a. an Bonmots wie

„Man sollte entweder ein Kunstwerk sein oder eines tragen.“, „Eleganz ist nicht, bemerkt zu werden, sondern in Erinnerung zu bleiben.“ oder „Modisch ist, was man selbst trägt. Unmodisch ist, was die anderen tragen.“

Wilde war ein Meister der Pose.

Im Gefängnis schreibt er nicht mehr, um zu glänzen, sondern aus innerer Notwendigkeit heraus – um zu verstehen, wie es nur so weit hatte kommen können. Vielleicht, weil Harzer Wilde nicht als gebrochenen Dandy spielt und auch nicht als tragischen Märtyrer, sondern als jemanden, der die Pose abstreift und sich angesichts dieser Zumutung kritisch selbst befragt, ging mir der Abend so unter die Haut.

Auf dem Boden gekrümmt meint Harzer/Wilde, die Herausforderung liege weniger darin, ein gebrochenes Herz zu vermeiden – Herzen seien zum Brechen da –, sondern darin, dass es nicht versteinert. Eine Träne rollt mir über die Wange.

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10 Kommentare

  1. Ein sehr interessanter, aber auch schwieriger Schnitt, diese Bluse. Definitiv nichts für jeden Frauenkörper. Die würde ich gerne am Körper sehen. Dann, wenn sie fertig ist. Von der Farbe her passt sie auch gut zu diesem opulenten Dekor des Theaters 😉
    Und ja, solche kleinen Läden sind ein Geschenk. Gibt es nicht mehr überall bzw. kaum mehr. Berlin kann sich glücklich schätzen. Auch was das Theaterleben angeht. Die Produktion klingt als könnte sie mir auch gefallen. Oscar Wilde kenne ich hauptsächlich von seinem Stück Bunbury, und natürlich durch das eine oder andere Bonmot.
    Dein Mittagessen war definitiv interessanter als meines. Die Zusammensetzung muss ich mir merken, wir könnten mal wieder selbst japanisch kochen. Abseits von Ramen.
    Liebe Grüße, heike

    • Vielen, lieben Dank, ich habe mich sehr über Deinen Kommentar gefreut!
      Und ja – Du hast völlig recht: Der Schnitt ist definitiv nichts für jeden Körper bzw. müsste in der Hals-, Brust- und Schulterpartie jeweils angepasst werden, mehr als ich das im ersten Moment bei einem vergleichsweise simplen Blusen-Shirt vermutet habe… Ich werde versuchen, wieder mehr Tragefotos von Selbstgenähtem zu zeigen.
      Und Berlin… ich hadere in letzter Zeit manchmal mit der Stadt, aber genau solche Orte sind dann wieder Gründe zu bleiben.
      Herzliche Grüße, Manuela

  2. Sumaya ist wirklich eine schwierige Bluse. Das Model bei Vikisews sieht tatsächlich ein bisschen erwürgt aus. Ich bin sehr gespannt auf Deine Tragfotos. Läden wie Knopf und Schnalle oder so opulent ausgestattete Theater (samt ihres Angebots) lassen mich auch immer ein wenig neidisch auf die Großstadt schielen, und dann bin ich froh, dass eine gute Stunde mit der Bahn eine machbare Distanz ist. Zum Leben wäre Berlin definitiv nichts mehr für mich. Schön, dass Du Deinen Tag mi uns teilst.
    Liebe Grüße, Stefanie
    PS: Ich kenne da so eine UFO-Beendungs-Aktion in diesem Monat..

    • Ich dachte nicht, dass die Bluse bereits unter Deine Definition fällt: “…mindestens zwei Monate beiseite gelegt…” Aber Eure Aktion ermutigt mich, dass die Bluse hoffentlich kein UFO wird.
      Welches Produktbild meinst Du? Interessanterweise sitzt die Bluse an dem einen Model schlechter als an dem anderen, wo die Drapierung wesentlich entspannter fällt. Mehr stören mich aber die Schulterpolster hier, sie zeichnen sich ab und sind insgesamt zu hoch…
      Viele, liebe Grüße, Manuela

      • Wie ärgerlich, dass ich Deine Antwort erst jetzt lese. Die Defininition für ein UFO liegt im Auge des Betrachters, meine persönliche mit den 2 Monate ist etwas großzügiger, weil ich mich so gerne mit mehreren Projekten gleichzeitig verzettele. Ich rede sie mir dann als “Work in Progress” schön. Schade, dass ich das nicht so deutlich gemacht habe.
        Von der Bluse habe ich auf der Seite von Viki nur eine Trägerin gesehen, und da meine ich das Bild auf der Titelseite und das frontale Bild im stehen. Auf den seitlichen Bildern überstreckt die junge Frau den Hals erwas, dadurch wirkt der Kragen lockerer. Bei den Schulterpolstern gehe ich uneingeschränkt mit. Ich bin auf Deine Fortschritte mit der Bluse gespannt.
        Liebe Grüße, Stefanie

  3. Was für ein Blusenexperiment, auf der Puppe konnte ich mir nichts vorstellen, gegoogelt finde ich den Schnitt ausnehmend spannend, für dich, nicht für mich. Deine Stofferfordernisbeschreibung, kann man das so sagen, entspricht genau einem 61%FV (was das ist, konnte ich bisher nicht feststellen) und 39%Vi Stoff, der bei New Tess/Clerici in Mailand als Restposten zu mir gekommen ist, tolle Farben, gemustert, aber er ist irgendwie sehr schwer, jedenfalls schwerer als man eine Bluse oder ein Kleid im Sommer haben möchte. Ich muss einfach umdenken und den Stoff richtig nutzen, sowas wäre perfekt, bloß nicht so hochgeschlossen. LG Anja

    • Ja, auf der Puppe sieht die Bluse wirklich nach nichts aus. Der Schnitt reagiert auf die Körperhaltung. Mal abgesehen davon, dass bereits Schulterlinie und Halsansatz von mir abweichen; ich kann nur BU, TU & HU bei der Puppe einstellen…
      Mmh? FV könnte Viskose sein, die aus “endlos” langen Fäden (dem sogenannten Filament) besteht (falls Du “Stoff und Faden” von Constanze D. hast, siehe S. 60.) Wie gesagt, etwas Gewicht sollte die Viskose für den Schnitt mitbringen, die flattrig-leichten Qualitäten, die es haufenweise zu kaufen gibt, funktionieren für meinen Geschmack hier nicht. Vielleicht zur Orientierung: Das hier ist Tencel mit einer Grammatur von 160g/m2.
      Liebe Grüße, Manuela

      • Ich habe das Büchlein, checke es mal, wenn ich zuhause bin, danke für den Hinweis, konsultiere es nur noch selten bei Brennproben. Mein Stoff hat 278 g, eventuell für den laufenden Meter, da müsste ich gucken, ist schon ziemlich schwer für Viscose/-mischung, aber er fällt….

        • Geht mir ähnlich; obwohl es mir andererseits leid tut, dass Wikipedia & Co. enzyklopädische Bücher zunehmend anachronistisch macht…
          https://de.wikipedia.org/wiki/Filament_(Textilfaser)
          278g/m2 scheint mir schon recht substanziell, aber ich würde Deinen Stoff nicht per se ausschließen wie Viskose <120g/m2. Zu leicht besteht das Risiko, dass die Drapierung einfach nur "lappig" wirkt, wenn die Viskose schwerer ist, ist die Wirkung vermutlich einfach nur architektonischer.

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