La Sape (Nachgang zu den Stoffspielereien)

Das monatliche Thema der Stoffspielereien im Juni war “Afrika”. Ich verfolge die Serie schon eine Weile, weil dort ausgefallene Näh- und Färbetechniken vorgestellt werden. Von denen habe ich mitunter noch nicht mal gehört! Auf die Idee selbst mitzumachen, bin ich irgendwie nie gekommen, bis ich Gabis (made with Blümchen) Inspirationspost zum Thema las. Der hat mich so beschäftigt, dass ich angefangen habe, in die eine oder andere Richtung zu überlegen, mich nicht festlegen konnte und schließlich den Termin verpasst habe (hier die gesammelten Beiträge).

Das Thema hat mich aber nicht losgelassen…

Zuerst dachte ich auch an Marroko. Immerhin bin ich dort schon mal gewesen: An Tanger und John Galliano, an Marrakesch und Yves Saint Laurent … Ein paar Sternstunden europäischer Modegeschichte wären ohne marrokanische Einflüsse nicht denkbar. Dann wollte ich die Freehand-Technik von Chinelo Bally ausprobieren. Ihr erinnert Euch: Beim Great British Sewing Bee zeichnete die Britin nigerianischer Herkunft die Maße der Modelle immer direkt auf den Stoff, ohne einen herkömmlichen Schnitt zu verwenden. Schnittmuster, wie wir sie kennen, die den Körper als Gliederpuppe denken, stellen eben nur eine Möglichkeit dar; andere Kulturen haben andere Systeme hervorgebracht.

Ziemlich schnell wurde mir klar, als ich so hin und her überlegte, dass bei mir am Ende ein fertiges Kleidungsstück herauskommen müsse; leider geht mir das Spielerische etwas ab… Und ich wollte mich auf das heutige Afrika beziehen – auf ein Stück zeitgenössische afrikanische (Pop-)Kultur. Schließlich hatte Gabi auch dazu eingeladen, die eigenen Klischees zu hinterfragen. Und tatsächlich waren mir dabei im ersten Moment eher die Probleme als der Reichtum afrikanischer Gesellschaften eingefallen.

Hängen geblieben bin ich dann bei La Sape, eine Art textiler Widerstand, der im Kongo entstanden ist, und sich dann in anderen afrikanischen Ländern (z. B. in Südafrika) sowie der Diaspora verbreitet hat. “Se saper” bedeutet auf Französisch “sich anziehen” oder “sich kleiden”, “les sapes” sind “die Klamotten”, oder einfach “Kleidung” und “La Sape” ist ein Backronym, das für “La Société des Ambianceurs et des Personnes Élégantes” steht. D. h. auf Deutsch so viel wie “Gesellschaft der Unterhalter und eleganten Personen”. Wodurch zeichnet sich diese Gesellschaft nun aus?

Ihre Verteter (les sapeurs – die Sapeure) orientieren sich an (formeller) europäischer Herrenbekleidung – tragen gern Dreiteiler aus Hose, Weste und Sakko, dazu Hemd, Krawatte, Lederschuhe usw.. Gern darf es auch Designerklamotte sein, ob echt oder Fälschung, sei dahin gestellt; hier widersprechen sich die Quellen; zumindest gibt ein Sapeur (zu) viel Geld für seine Kleidung aus. Während Anzüge in Europa zumeist in gedeckten Farben getragen werden, da sie vorrangig Bürouniform sind, will der Sapeur auffallen. Zitronengelb trifft auf Pistaziengrün, Rot auf Rosé, Pink und Violett. Eine derart bonbonhafte Farbpalette gesteht sich der europäische Anzugträger nicht mal mehr bei seiner Krawatte zu.

“White people invented the clothes, but we make an art of it.” (Papa Wemba)

Das Phänomen geht auf die Kolonialisierung des Kongobeckens Ende des 19. Jahrhundert zurück. Als soziale Bewegung kommt es in den 1970er Jahren auf. Vorreiter ist der Musiker Papa Wemba, der auch die kongolesische Rumba populär gemacht hat. Mit ihrem Kleidungsstil, der nicht so recht zu den ungeflasterten Straßen von Brazzaville und Kinshasa passt, protestierten die Sapeure in DR Kongo (damals Zaire) gegen die Politik von Mobutu. Der Diktator hatte sich mit Hilfe westlicher Geheimdienste an die Macht geputscht, während er die eigene Bevölkerung zur “Re-Afrikanisierung” zwang.

Heute hat La Sape eine doppelte Stoßrichtung: Zum einen versuchen die Sapeure der Tristesse ihrer Heimat etwas entgegen zu setzen, gemäß dem Motto: Wer sich wie ein Gentleman kleidet, benimmt sich auch wie einer; sie eignen sich nicht nur den Kleidungsstil, sondern auch den Lebensstil des Gentleman an. Im Kongo geschehen nach wie vor massive Menschenrechtsverletzungen. Zum anderen richten sich die Sapeure gegen (rassistische) Stereotype vom “schwarzen Mann” als Wilden, Arbeiter, Rapper, Kriminellen, Flüchtling usw. Mit ihrem Dressing Up entwerfen sie ein alternatives Bild schwarzer Männlichkeit. Inzwischen gibt es auch weibliche Sapeure (la sapeuse), hier wird das Dressing Up zum feministisch motivierten Crossdressing.

Für alle, die sich für die Bewegung der Sape interessieren, hier ein paar Links:

Und was wollte ich nun im Rahmen der Stoffspielerein dazu machen? In ihrer Aneignung europäischer Maßschneiderei hat die Sape-Bewegung eine ganz eigene Ästhetik hervorgebracht. Mich fasziniert die Kombination aus eleganten Schnitten und flamboyanten Stoffen: maskuline, puristische Schnitte in auffälligen, verspielten Mustern und Farben mit einem Hauch Vintage. Obwohl ich eher Trägerin einer zurückhaltenden Farbpalette bin (schwarz, weiß, braun, dunkelblau…), habe ich dennoch zu meinem eigenen Erstaunen eine Reihe bonbonfarbiger Stoffe im meinen Bestand entdeckt (sogar in Shocking-Pink! Wann ist das denn passiert?). Challenge war und ist also, sich ein von der Sape inspiriertes Outfit zu nähen und gleichzeitig Stoffabbau zu betreiben – okay, ein Stoff darf gekauft werden…

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11 Kommentare

  1. Sehr interessant, dein Vorhaben und ich bin total gespannt, auf deine Umsetzung.
    Jetzt muss ich mir mal deine Links durchschauen, denn von dieser Bewegung habe ich noch nie gehört; wer weiß, welche Inspirationen sich da ergeben, : ).
    LG von Susanne

    • Manuela

      Ehrlich gesagt, bin ich auch gespannt, wie es am Ende wirken wird, denn eins zu eins geht es natürlich nicht: meine Haut tendiert zu elfenbeinweiß und ist nicht ebenholzschwarz, ich bin kein Mann… an einer Frau wirken solche gellenden Farbkombinationen ganz anders…
      Viele, lieben Dank & herzliche Grüße,
      Manuela

  2. Liebe Manuela, Deinen Beitrag finde ich so klasse und inspirierend, den nehme ich doch total gerne auch nachträglich noch in die Linkliste zur Afrika-Stoffspielerei auf! Und bin sehr gespannt, was nach Deinem Einleitungspost zu “la sape” bei Dir an bonbonbunter Kleidung entsteht! lg, Gabi

    • Manuela

      Das freut mich wirklich sehr! Danke auch, dass Du mich noch in die Linkliste aufgenommen hast.
      Liebe Grüße, Manuela

  3. Oh, ich glaube das Outfit wird sowas von stylisch.
    Ich hatte schon mal einen Bericht gesehen, aber die ganzen Hintergründe warum jetzt dieser Kleidungsstil und so, ist da irgendwie nicht vorgekommen. Merci vielmals für diesen tollen Background Artikel.
    Lg Sabine

  4. Wie spannend! Danke für den Exkurs, ich gucke die Links gleich direkt mal durch. Auf das Outfit bin ich schon sehr gespannt.
    Liebe Grüße
    Katharina

    • Manuela

      Dankeschön Katharina!
      Für einen Moment dachte ich heute morgen: Na ist es soweit und sie ist vielleicht mit ihrem gepackten Koffer auf dem Weg ins Krankenhaus? Offenbar noch nicht…
      Liebe Grüße, Manuela

  5. Hier in Berlin in meinem Viertel sind viele afrikanische Botschaften und erst gestern fielen mir da zwei junge Männer auf, die in auffällig und bunt designter Kleidung über die Straße liefen. Das Buch von Chinelo Bally „Freehand Fashion“ aus dem Stiebner Verlag habe ich schon und will daraus bald etwas probieren.

  6. Interessanter Beitrag. Den Dandy-Stil finde ich witzig, spätestens seit er bei Guidos Masterclass behandelt wurde. Wenn sich im 17. oder 18 Jhdt. die Engländer gegen das Diktat der französischen Mode auflehnen und ihren eigenen Tweed kultivieren, finde ich das in Ordnung. Dass ein Afrikaner nicht als ärmlicher Flüchtling oder Wilder wahrgenommen werden will, ist auch klar. Wenn der Geltungsdrang der Männer aber dazu führt, dass die Frau zuwenig Haushaltsgeld zur Verfügung hat, finde ich die Bewegung jetzt nicht so motivierend, wie sie gemeint ist. Solange nicht Frau und Kind genauso schön eingekleidet werden können, gilt der angebliche Reichtum und der Stolz überhaupt nichts und ist einfach nur das Sonntagshobby der Patriarchen. Ist schon sehr seltsam anzusehen wie die chicen Anzüge in den staubigen, unbefestigten Strassen spazierengeführt werden. Fortschritt und Wohlstand sieht anders aus. Aber Zufriedenheit ist auch wichtig. –
    Ich kann mich dich sehr gut in einem hellbunten Maßanzug mit Weste vorstellen, aber woher die Intention dazu kommt, würde wohl erstmal kaum einer erkennen. Solidarität mit Afrika würde ich anders ausdrücken wollen, wenn darauf der Fokus läge. Trotzdem, ich finde Dandystyle toll. Regina

    • Manuela

      Danke Regina, dass Du auf die Mehrfachdiskriminierung (race & gender) aufmerksam machst, von der afrikanische Frauen nochmals gesondert betroffen sind. Inzwischen gibt es eine Reihe weiblicher Sapeure, spontan fällt mir da die Serie “Dandy Queens” (2014) von Prisca Monnier ein – eine kongolesische Fotokünstlerin. Umgekehrt muss man sich vielleicht vor Augen halten, dass Dandys wie der irische Schriftsteller Oskar Wilde auch nicht gerade als treusorgende Familienväter in die Geschichte eingegangen sind. Gleichberechtigung ist auch in Europa ein jüngeres Projekt, das alles andere als abgeschlossen ist…

      Aus mir wird natürlich keine Sapeuse, das wäre auch vermessen! Bei dem Thema ging es mir um den Blickwechsel: Gewöhnlich blicken wir (aus Europa und den USA) auf afrikanische Kulturerzeugnisse und lassen uns davon inspirieren, bei der Sape-Bewegung und ihrer Nachfolger ist es andersherum. Afrikaner*innen sind hier nicht Objekt, sondern werden zu Akteuren, die sich die europäische Maßschneiderei aneignen und etwas Anderes und Eigenes daraus machen.

      Davon lasse ich mich wiederum inspirieren. Ob das auf den ersten Blick erkannt wird, wahrscheinlich nicht, da hast Du recht… Aber ich kann ja davon erzählen und scheine auch auf Interesse zu stoßen, wie Dein Kommentar zeigt.

      Herzlichen Dank dafür & liebe Grüße Manuela

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