Julie von Sewy

Wenn man auf dem Flughafen Köln-Bonn landet, sieht man sich mit dem Rheinischen Grundgesetz konfrontiert, einer Sammlung rheinischer Redensarten, die an den Wänden des Flughafengebäudes angebracht sind. Eine ist mir besonders in Erinnerung geblieben: “Kenne mer nit, bruche mer nit, fott damit.” Unter den Schriftzügen steht jeweils die “deutsche Übersetzung”: “Sei kritisch, wenn Neuerungen überhand nehmen!”

Ach, was habe ich mich mit dem Thema BH-Nähen schwer getan. Seit Jahren steht es auf meiner Liste, um genau zu sein, seit 2015 – seit Julias (ebenJulia) BH Sew Along. Jahrelang bin ich dann an der Beschaffung der Materialien gescheitert; ich habe da einfach nicht durchgeblickt. Nun bin ich endlich dem Rat gefolgt, mir fürs erste Mal ein Nähpaket (Bra Kit) zu bestellen. Den Anstoß gab letzten Endes eine Verabredung zum BH-Nähen. Also jetzt oder nie.

Stoff & Schnitt

Das war auch mein erster Stoff-Online-Kauf in all den Jahren: Bisher war ich immer der Meinung (und bin es auch jetzt noch), dass ich Stoff bei Tageslicht sehen und in der Hand halten muss; ich genieße ja auch das Privileg, vor Ort ausreichend Möglichkeiten dazu zu haben. Dementsprechend enttäuscht war ich, als ich mein Nähpaket von Sewy auspackte. Auf dem Bildschirm hatte die hautfarbene Flieder durchwebte Spitze heller und puderiger gewirkt. Nun fühlte ich mich an orthopädische Wäsche aus dem Sanitätshaus erinnert. Inzwischen bin ich versöhnt: Erstens, weil entfaltet und mit hautfarbenem Powernet unterlegt, hat die Spitze nicht mehr diesen dunklen gelb-beigen Ton; und zweitens sind mir ein paar Beispiele dafür eingefallen, dass Mode und Orthopädie sich nicht zwangsläufig ausschließen.

Cover Dazed & Confused
Fotostrecke in Dazed & Confused

Im Gegenteil: Mitunter kommt etwas Großartiges heraus. In seiner Kollektion No. 13 (1998) schickte der britische Designer Alexander McQueen die Leichtathletin Aimee Mullins mit von ihm entworfenen Beinprothesen über den Laufsteg. Als Gastredakteur brachte er sie im selben Monat auf das Cover der Septemberausgabe von Dazed & Confused und löste damit eine Kontroverse über die Definition von Schönheit aus. Von orthopädischen Korsetts hat sich auch die österreichische Designerin Marina Hoermannseder inspirieren lassen, die übrigens bei McQueen Praktikum gemacht hat. Im Mai-Heft der Burda 2018 ist ein Jacken-Schnitt von ihr, den ich (irgendwann noch) ausprobieren möchte; bis zum 28.10. zeigt arte wieder Das Testament des Alexander McQueen, eine Dokumentation über die letzten drei Kollektionen von McQueen.

Doch zurück zum BH: Der Schnitt ist Julie von Sewy, ein klassischer Bügel-BH mit zweiteiligen Körbchen mit horizontaler Naht, die nur durch ein Mittelteil (Steg anstatt Unterbrustband) miteinander verbunden sind. Die Träger können wahlweise mit Gummi oder mit Spitze genäht werden. Ich habe mich für letzteres entschieden. Der BH ist nicht laminiert und laut Anleitung für Spitze ausgelegt.

Größe, Passform und Anpassungen

Auch ich bin darüber gestolpert, dass angeblich 80% der Frauen eine falsche BH-Größe tragen sollen. Gekauft habe ich meistens 80C. Gemessen (Methode: Unterbrust- und Brustumfang) etwas zwischen 80A und 80B. Sewy empfiehlt in diesem Fall, die kleinere Größe zu nehmen. Ich hatte das große Glück, dass Stefanie (Kraut und Kleid) den Schnitt bereits in der Kreuzgröße genäht hatte und ich ihn probieren durfte. Die Körbchen waren deutlich zu klein. Also habe ich 80B genäht.

Das Ergebnis kann sich fürs erste Mal sehen lassen! Ich bin angenehm überrascht, nachdem ich bei Anderen gelesen habe, dass es doch einiges an Geduld und Material(-kosten) erfordert, die optimale Passform zu finden, v. a. wenn einer wie mir gekaufte BHs in der Regel passen.

Der BH trägt sich angenehm, nachdem ich nochmals Bügel bei Spitzenparadies bestellt habe. Die von Sewy mitgelieferten Staby-Bügel grenzten bei mir an Körperverletzung. Ich hätte nicht gedacht, dass es bei Bügeln solche Unterschiede gibt. Nicht nur, was die Größe betrifft, sondern in der Art und Weise, wie sie gebogen sind. Nähfreund*innen zu haben ist echt Klasse! Stefanie war so nett, mir ihre Passformbügelsets zu leihen, sodass ich im fertigen BH probieren konnte, welche Sorte und Größe am besten passt; und davon habe ich nun zehn Paar bestellt. Ihr seht, ich habe Einiges vor. Die Bügel wirken sich stark auf die Passform des BHs aus. Erst mit der richtigen Größe und Form der Bügel lag der Steg 100% am Brustbein an.

Ich hatte Staby für 80A und 80B gekauft, die größeren habe ich bereits verschenkt, 80A würde ich auch verschenken, wenn jemand Interesse hat. Nichtsdestotrotz erkennt man m. E. die unterschiedliche Rundung der Bügel.

Kürzen würde ich beim nächsten Mal das Seitenteil (jeweils um 1cm). Ich schließe den BH aktuell im letzten Haken, kann ihn also nicht enger machen, wenn das Material nachgeben sollte.

Anleitung & Schwierigkeitsgrad

Das Schnittmuster (kein PDF! Zusammen mit einem Nähpaket bestellt ist es übrigens günstiger.) verfügt über eine mit Zeichnungen versehene Schritt-für-Schritt-Anleitung, mit der ich gut zurecht gekommen. Besonders hilfreich fand ich die Angaben, welchen Stich man wann benutzen soll. Trotzdem sind mir ein paar Fehler unterlaufen: Bei einer Zierliste habe ich links und rechts verwechselt und beim Unterbrustgummi oben und unten. Sewy empfiehlt Julie als Einstiegsdroge Einsteigermodell. Ich bin mal gespannt, ob andere Schnitte ungleich schwerer zu nähen sind.

Was gefällt, was nicht? Nochmals nähen? Weiterempfehlen?

Im Rückblick kann ich mir nicht erklären, warum ich so lange gebraucht habe, mit dem Nähen von Wäsche anzufangen. Kurzum, ich bin nun auch infiziert und könnte gerade manisch BHs rauf und runter nähen – und das ganz ohne schlechtes Gewissen, weil es tatsächlich einer der wenigen Bereiche in meinem Kleiderschrank ist, wo noch Bedarf besteht. Julie Nr. 2 ist inzwischen genäht. Die Kürzung des Seitenteils hat sich bewährt. Sicherlich wird es noch weitere Julies geben. Der Schnitt ist für mich eine sichere Bank.

Natürlich schiele ich schon nach weiteren Schnitten. Dreiteilige Körbchen sollen ja noch besser sitzen. So habe ich den Marlborough Bra von Orange Lingerie und den Harriet Bra von Cloth Habit im Blick. Ebenfalls zwei Klassiker innerhalb der bloggenden Nähcommunity, über die viel in den höchsten Tönen gesprochen worden ist. Da mir die Entscheidung zwischen beiden Modellen schwer fällt, kurze Frage in die Runde an all diejenigen, welche die Schnitte bereits genäht haben. Was meint Ihr?

← Vorheriger Beitrag

Nächster Beitrag →

12 Kommentare

  1. Wow, ich lese auch immer mit Bewunderung und Verwunderung vom BH-Nähen. Mir geht es mit dem Zubehör wie dir und schon die Begriffe sagen mir nichts. Jedenfalls sehen all diese genähten BH einschließlich deinem immer sehr wertig und edel aus. LG Anja

    • Haben sie mir lange Zeit auch nicht trotz einer Reihe guter Posts zum Zubehör, die man inzwischen findet. Letztlich hat es erst der Kauf des Bra Kit gebracht, das ganze Zubehör mal selbst in der Hand zu halten…
      Dank Dir & liebe Grüße
      Manuela

  2. Der sieht superschön aus und ich mag auch sehr die Farbe.
    Ich lese auch immer aufmerksam die Berichte über das Nähen von Unterwäsche, aber habe da selbt eine mentale Sperre, : ).
    Dir jedenfalls noch viel Spass im neu erschlossenen Nähbereich und lG von Susanne

    • Herzlichen Dank.
      “Mentale Sperre” trifft es gut! Einmal überwunden ist die Lernkurve allerdings erstaunlich. Vor ca. zwei Wochen habe ich das Obercup noch fürs Seitenteil gehalten…
      Liebe Grüße, Manuela

  3. Ach ja, mit den Bügeln habe ich auch lange rumgemacht, damit habe ich auch immer bei Kauf BHs Probleme. Cool, was du für Leute kennst, mit so der Bügel-Sammlung! Und cool was du für den hübschen BH direkt im ersten Versuch genäht hast! Und jetzt wo du einmal die Zutaten alle gesehen hast kannst du dir die ja auch einzeln zusammensuchen und die Spitze vor Ort kaufen. Oder wenn du wieder am Flughafen Köln Bonn bist bei sewy vorbei gucken 🙂
    Nett auch wieder die thematisch abgestimmten Infos, sehr interessant! 🙂
    Liebe Grüße
    Katharina

    • Danke Katharina für Deine lieben Worte.
      Solche Leute lerne ich im Internet, beim Bloggen kennen! Falls man (noch) niemand mit Passformbügelsets kennt, kann man sich aber auch die PDF-Schablonen der Anbieter ausdrucken und so für sich die passende Bügelsorte und -größe herausfinden – vorausgesetzt, man hat einen passenden Bügel (z. B. aus einem gekauften BH), um ihn mit den Schablonen abzugleichen.
      Liebe Grüße
      Manuela

  4. Toll! Ich lese auch immer sehr interessiert die Beiträge übers BH-Nähen (z.B. bei Muriel von Nahtzugabe5cm). Und bei den ganzen Fachbegriffen und notwendigen Materialien schwirrt mir immer total der Kopf. Das und weil ich mit Kauf-BHs gut zurecht komme (bei mir muss nicht so viel gehalten werden), hat mich bislang vom BH nähen abgehalten. Ich glaube, ich würde das nur unter Anleitung wagen.
    Dein BH jedenfalls sieht fabelhaft gut aus, und das im ersten Versuch!
    Liebe Grüße Christiane

    • Dankeschön!
      Ja, die Posts von Muriel und Melanie (500daysofsewing) zu diesem Thema lese ich auch sehr gern. Schade, dass es ihren “500and5_bramakingblog” nur auf Instagram gibt.
      Auch bei mir hat es schließlich Jahre bis zur Umsetzung gebraucht; und ich fand es schon hilfreich, mit jemand gemeinsam zu nähen, der das bereits gemacht hat. Nicht auszuschließen, dass es sonst beim Lesen darüber geblieben wäre…
      Liebe Grüße
      Manuela

  5. Dodosbeads

    Ach wie schön, liebe Manuela, jetzt haben wir noch einen Themenpunkt mehr, um uns auszutauschen( schreibe Dir eine mail) 🙂
    Für einen Erstling hast Du da ein super Teil gemacht. Alle Achtung!
    Zu Deiner Frage nach weiteren Schnitten: Ich kann Dir sowohl Harriet von cloth habit als auch Boylston von orange lingerie wärmstens ans Herz legen, der Marlborough ist mir persönlich zu bedeckt und zu konservativ. Ich hab zwar keine Bh Bügelsammlung, aber beide Modelle bereits mehrmals genäht, die könntest Du also gern fertig ( und nicht nur als Schnitt) ansehen.
    Ganz liebe Grüße Dodo

    • Oh, wie schön von Dir zu hören!
      Das Angebot nehme ich sehr gern an. Melde ich mich die Tage bei Dir.
      Viele, liebe Grüße
      Manuela

  6. Dein BH ist ja fertig! Er ist total schön geworden. Es freut mich, dass er so gut sitzt. Meiner ist immer noch nicht weiter, ich schlage mich aktuell mit ganz anderen Aktionen herum, an Nähen ist nicht zu denken…
    Das mit den Bügeln finde ich auch echt irre. Ich meine, das sind gerade mal 5mm und das macht dermaßen viel aus! Ich fahre mit den Flexy-Bügeln eigentlich sehr gut, werde aber möglicherweise mal diese Gabline-Dinger testen.
    Viel Spaß mit weiteren BH’s,
    Liebe Grüße, Stefanie

    • Dankeschön Stefanie.
      Ein paar Flexy-Bügel liegen hier auch noch, sehen auf den ersten Blick passender aus als die Staby-Bügel.
      Bei den Passformbügelsets, die Du mir freundlicherweise geliehen hast, saß ein Bügel aus der Serie 11 am besten. Sind das die “Gabline-Dinger”?
      Ich drück Dir für die “anderen Aktionen” die Daumen!
      Liebe Grüße, Manuela

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.