Gesehen, gelesen… Die Ausstellung “Jewellery & Garment”

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich für meinen Teil bin einer ziemlicher Accessoire-Muffel, vor allem was Schmuck betrifft. Ich besitze zwei Paar Ohrringe, die einen aus Beton, die anderen aus Birkenholz und auch die trage ich nur selten. Insofern ist es recht ambitioniert, über eine Ausstellung, die sich „Autorenschmuck“ widmet, schreiben zu wollen.

Autorenschmuck? Den Ausdruck kannte ich bis dato auch nicht. Kurz gesagt, geht es dabei um Schmuck als künstlerisches Artefakt, das in Museen gesammelt, und weniger als Accessoire im Alltag getragen wird. Versteht man das Schmuckmachen traditionell als Kunsthandwerk, so steht hier die Kunst gegenüber dem Handwerk eindeutig im Vordergrund.

Während ich von den zehn Schmuckdesigner*innen keinen kannte, las sich die Liste der ausgestellten Modedesigner*innen dagegen, als ob hier jemand eine Liste meiner Lieblinge zusammengestellt hätte; es sind Ann Demeulenmeester, Comme des Garcon, Martin Margiela, Dries van Noten oder Yohji Yamamoto darunter. So habe ich mich in erster Linie auch wegen der „Garments“ – der Kleidungsstücke auf den Weg gemacht.

links: Kleid Comme des Garcon, Jackett Martin Margiela, Kleid Yohji Yamamoto…

Einmal mehr wird das Wort Mode in der Ausstellung, wo es nur geht, vermieden. Mode hat kein gutes Image! Zu oberflächlich, zu vergänglich! Das ist nicht neu, es ließe sich eine Geschichte darüberschreiben, wie Generationen von Designer*innen dem modischen Zeitgeist haben zu entkommen versucht. Wer von ihnen möchte nicht etwas von Dauer schaffen? Was sich historisch ändert, sind die Argumente, mit denen das geschieht. Aktuell ist es das Argument der Nachhaltigkeit.

Leider muss ich zugeben, dass ich in letzter Zeit des öfteren Mal abschalte, der Begriff der Nachhaltigkeit ist mittlerweile inflationär im Gebrauch… Allerdings finde ich es lohnenswert über die Idee einer „ästhetischen Nachhaltigkeit“ nachzudenken, die die Ausstellungsmacherinnen vorschlagen – also „ein weiter gefasstes Verständnis von Nachhaltigkeit, das nicht in erster Linie auf die Produktionsweise und den Konsum von Produkten abzielt“.

rechts: Jacke Martin Margiela
links: Rock Dries van Noten, rechts: Kleid Junya Watanabe

Von der Art und Weise, wie die Schmuck- und Bekleidungsstücke in der Ausstellung präsentiert werden, war ich überrascht. Die Sonderausstellung wird nicht in gesonderten Räumen gezeigt, sondern die Objekte werden mehrheitlich in die Sammlung des Bröhan-Museums integriert, dessen Schwerpunkt auf Design zwischen 1889 und 1939 liegt. Man muss sich also auf die Suche nach den Schmuck- und Bekleidungsstücken zwischen all dem Mobiliar und Geschirr begeben, angefangen vom Jugendstil und der Reformbewegung bis hin zum Art Deco und Funktionalismus. Wir haben das Beste daraus gemacht und angefangen zu spielen, „ich sehe etwas, was Du nicht siehst“. Das war ziemlich witzig, außerdem ist die Sammlung des Museums wirklich sehenswert!

Warum die Ausstellungsmacherinnen von Jewellery & Garment jedoch auf jegliche Beschilderung ihrer Objekte verzichtet haben, hat sich mir beim besten Willen nicht erschlossen. Der museumspädagogischen Abteilung des Hauses anscheinend auch nicht, weil sie nachträglich Handouts erstellt hat, die man in die Ausstellung mitnehmen kann. Meines Erachtens tun sich die Kuratorinnen damit keinen Gefallen, wenn sie ein ohnehin schrumpfendes Kunstpublikum so gar nicht abholen.

Fazit
Chana Orloff

Anders als gedacht. Es war schön, Kleidungsstücke von Lieblingsdesigner*innen im Original zu sehen; ich kann mich dafür unendlich begeistern. Von den Schmuckstücken ist mir leider wenig in Erinnerung geblieben. Wie gesagt bin ich aber auch ein Accessoire-Muffel.

Gefreut habe ich mich über zwei Neuentdeckungen! Mir war gar nicht bewusst, welche sehenswerte Sammlung das Bröhan-Museum hat. Neben Jewellery & Garment gibt es außerdem eine weitere Sonderausstellung, die ich hier allen ans Herz legen möchte, auch wenn Textilien darin eine untergeordnete Rolle spielen. Sie trägt den bezeichnenden Titel Ansehen! und widmet sich Künstlerinnen und Designerinnen von 1880 bis 1940.

Jewellery & Garment (noch bis 15. Januar) und Ansehen! Kunst und Design von Frauen 1880-1940 (noch bis zum 4. September) im Bröhan-Museum Berlin.

+++

Edit: Von der Messe ins Museum: Das Ausstellungsprojekt “Jewellery & Garment” war ursprünglich erst für Sommer 2021 und dann für Frühjahr 2022 „als Official Side Event“ im Rahmenprogramm der Frankfurt Fashion Week in der historischen Villa Metzler in Frankfurt a. M. geplant. Durch die Corona bedingten Maßnahmen von Bund und Land musste es leider zweimal abgesagt werden. Im Bröhan-Museum Berlin hat “Jewellery & Garment” nun einen neuen Gastgeber gefunden. Die oben zitierte Passage entstammt einem älteren Pressetext der beiden Schmuckdesignerinnen Svenja John und Petra Zimmermann, die “Jewellery & Garment” kuratiert haben.

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14 Kommentare

  1. IST DAS SCHÖÖÖN!!!
    ich glaub, ich zieh da ein 😀
    diese fabelhaften klamotten inmitten der wunderbaren möbel und dekorationsgegenstände (die porzellanvögel – hachz!) ist eine genial inszenierung. und der schmuck fügt sich wie selbstverständlich ein……
    muss gestehen, dass ich die schilder in den museen/ausstellungen selten lese – ich stehe/sitze lieber eine ewigkeit vor einem ausstellungsstück und lasse es auf mich wirken – möglichst unbeeinflusst von dem, was kunstexperten/historiker oder “museumspädagogen” darüber schreiben…… aber ich bin ja auch nicht normal ;-D
    @schmuck: ich liebe schmuck – am liebsten fette klunker, neudeutsch “statement” – bevor ich “zarten/dezenten/praktischen” schmuck trage, trage ich lieber keinen 😀
    aber wühle ich mal nicht im dreck, darf eines meiner gesammelten (oder DIY) teile an die frische luft – siehe aktueller post.
    leider ist der august schon voll – sonst wäre ich versucht nach B. zu kommen……..
    ästhetisch nachhaltig: hab ich da nicht mal was drüber geschrieben? aber wo?
    <3 xxxxx

    • Ja, ich habe beim Bröhan Museum auch sofort an Dich gedacht! Der Fokus der Sammlung ist Deine/Eure Zeit…
      Was Jewellery & Garment betrifft bleibe ich dabei: Als eine Art Gesamtkunstwerk, das wiederum andere inspiriert, mag die Inszenierung prima sein, für die Schmuckdesigner selbst finde ich es schade, wenn man in der Ausstellung nicht mal ihre Namen erfährt. Selbst erklärtes Ziel war es doch dem “Autorenschmuck” mehr Sichtbarkeit zu verschaffen und dann veröffentlicht man gleichsam ein Buch ohne den Autor darin zu nennen?!
      Diese Ausstellung ist noch bis Januar, ich drücke Dir die Daumen, dass es vielleicht doch noch klappt.
      Liebe Grüße Manuela

  2. Hallo,
    War schon öfter im Bröhan…von der Ausstellung wusste ich noch nichts…Danke.

    Im Martin Gropius Bau ist gerade das textile Spätwerk von Louise Bourgois zu sehen.

    LG Carmen

  3. Wie spannend, gerade die Kleidung und Schmuck zwischen den alten Möbeln/Zimmern, was gibt es alles für Museen in Berlin, die keiner kennt, viele Grße, Anja

    • Lustigerweise ist Jewellery & Garment anlässlich der Fashion Week in Frankfurt entstanden… Ich weiß gar nicht, wie das Projekt in Berlin gelandet ist… Liebe Grüße Manuela

  4. Die Bilder , die du zeigst, sehen wundervoll aus.
    Das Konzept erinnert mich an die Lagerfeldausstellung, die ich vor Jahren in Bonn besucht hatte; dort konnte man zwischen den Orginalen herumschlendern, was mich sehr begeistert hat.
    Eine tolle Idee, Komplettoutfits mit Accessoires zusammenzustellen ;
    Ich bin zwar auch niemand, der seine Outfits üppig mit Schmuck oder Accessoires komplettiert, aber inspirierend ist es schon, sich das anzuschauen.
    Merci fürs Zeigen und lG von Susanne

    • Manuela

      Gern.
      Ja, die Idee mit den Outfits ist wirklich super! Nur für Schmuck wäre ich vermutlich nicht hingefahren, während die Auswahl der Fashiondesigner absolut meins ist und mir eine Brücke gebaut hat…
      Oh Lagerfeld, auch spannend!
      Dank Dir & liebe Grüße Manuela

  5. Dein Blog erfüllt bei mir definitv einen Bildungsauftrag, ich lerne immer wieder etwas dazu.
    Das mit den fehlenden Beschreibungen kann ich auch gar nicht nachvollziehen, ich verbringe sicher die Hälfte meiner Zeit bei Ausstellungen mit Lesen. Es macht mir einfach mehr Freude, wenn ich eben nicht nur Gucken kann.
    Grüße, Tina

    • Manuela

      Vermutlich abhängig, mit welcher Intention man ins Museum geht: Künstler*innen und Designer*innen suchen dort meiner Erfahrung nach eher nach Inspiration für die eigenen Kreationen, während mein Fokus eindeutig ein historischer ist. Mich interessiert – interessieren die Geschichte(n), die Objekte erzählen… Freut mich zu hören, dass Du diese Faszination offenbar teilst.
      Lieben Gruß Manuela

  6. Hallo liebe Manuela, vielen Dank für Deinen netten Kommentar, ist wohl noch Sommerloch… Da Du immer so tolle Berichte über die besuchten Ausstellungen schreibst: In Den Haag läuft bald diese Ausstellung an:
    https://www.kunstmuseum.nl/en/exhibitions/balenciaga-black

    Die tourt wohl schon eine ganze Weile weltweit, vielleicht kennst Du sie ja auch schon. Zuletzt war sie glaube ich in New York. Balenciaga (also der Meister höchstpersönlich, nicht das, was die jetzt machen), ist ja mein Lieblings-Designer. Steht schon fest im Terminkalender bei mir! LG Anne Sophie

    • Dito! Dank Dir auch für den Ausstellungstipp.
      Mal schauen, ob es mich rechtzeitig nach Den Haag verschlägt…
      Muss ja gestehen, dass ich beidem etwas abgewinnen kann, sowohl der meisterhaften Schnitttechnik Balenciagas als auch dem konzeptionellen Zugang zur Mode von Demna Gvasalia – fand bereits sein Label “Vetements” ziemlich lässig.
      Liebe Grüße Manuela

  7. Danke für den Ausstellungs-Tipp. Ich glaube, da wollte meine Tochter mit mir hin. Das schaffen wir bestimmt noch.
    Ich bin auch bekennenden Begleittextleserin. Vieles von der Formensprache oder den Symbolen, die die Generationen vor uns noch so selbstverständlich beherrschten, kennen wir heute gar nicht mehr. Ich lasse gerne ein Kunstwerk auf mich wirken und dann lese ich nach, weil ich dann oft einen anderen Blickwinkel erhalte. Wobei man aber auch manchmal, wenn Titel einfach falsch übersetzt werden, echte Zustände bekommen kann.
    Liebe Grüße, Stefanie

    • Gern geschehen.
      Da hat sie sich, finde ich, ein schönes Mutter-Tochter-Programm ausgedacht. Ausstellung und Haus sind wirklich sehenswert und danach könntet Ihr noch im Schlosspark flanieren… Herzliche Grüße Manuela

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