Ich hatte im Februar Work-in-Progress-Bilder einer recht eigenwilligen Bluse mit Drapierung gezeigt und ein paar lieben Nähfreundinnen Tragebilder nach der Fertigstellung versprochen. Was soll ich sagen: Erst wurde die Bluse nicht fertig, dann hatte ich weder Zeit noch Lust, Fotos zu machen und einen Text darüber zu schreiben – und irgendwann habe ich es einfach vergessen. Tut mir leid.
Da ich mich gerade mit Drapierungen beschäftige, fiel mir das Ganze wieder ein.

Irgendwie liegt das Thema Drapierung dieses Jahr ja in der Luft, und natürlich bin auch ich nicht frei von Einflüssen. Vielleicht kennt Ihr auch die eine oder andere Person, die felsenfest von sich behauptet, keinen Trends zu folgen, sie gar selbst zu machen und gegen modische Einflüsse immun zu sein. Ich muss ja immer etwas schmunzeln, wenn ich derlei höre. Bei genauerem Hinsehen ist diese vermeintliche Trendverachtung alles andere als rebellisch. Gewöhnlich dient sie der Aufpolierung des eigenen Egos: entweder als Ausdruck von Snobismus, sprich, den „besseren“ Geschmack zu haben, oder als moralisches Schutzschild, um sich als unbestechlicher Konsumkritiker zu inszenieren. Der Subtext: Während alle anderen brav den Algorithmen hinterherlaufen, stehe man selbst intellektuell und finanziell über dieser Manipulation. Meist stimmt beides nicht.

Dabei ist diese herablassende Haltung gegenüber der Mode ein uralter Hut. Die Geschichte zeigt, dass die demonstrative Ablehnung von Trends schon immer das Lieblingsspielzeug von Modemachern und Modebegeisterten war. Ende des 19. Jahrhunderts trieben es Dandys wie Oscar Wilde auf die Spitze, indem sie bürgerliche Konventionen verachteten und sich so exzentrisch kleideten, dass sie – ironischerweise – gerade dadurch zu den größten Trendsettern ihrer Zeit wurden. Erbitterte Konkurrenten wie Coco Chanel und Yves Saint Laurent waren sich über die Vergänglichkeit der Mode einig. Was bleibe, sei Stil. Ob die Reformkleidung um 1900 oder die Punks der 1970er-Jahre – beide stark vom DIY-Gedanken geprägt: Jede Bewegung startete als „Anti-Mode“ gegen das System. Und jede von ihnen wurde schließlich von genau diesem System aufgesaugt, kommerzialisiert und zum Trend gemacht.

Kurz gesagt: Man kann sich der Mode nicht entziehen. Wer sich krampfhaft „trendimmun“ gibt, läuft Gefahr, sich in einer nostalgischen Komfortzone einzumauern und sich, schlimmer noch, dem Zeitgeist zu verschließen. Denn Trends sind keine bloße Schikane der Industrie. Sie sind die visuelle Antwort auf das, was in unserer Welt passiert: auf gesellschaftliche Umbrüche, Ängste, Sehnsüchte und technologische Sprünge. Wer Trends komplett ignoriert, verweigert im Grunde das Gespräch mit der eigenen Gegenwart. Statt also elitär die Nase über Trends zu rümpfen oder so zu tun, als stünde ich über den Dingen, finde ich es viel spannender, den Zeitgeist zu verstehen. Und genau hier kommt besagte Bluse wieder ins Spiel…




So rührt mein aktuelles Interesse an Drapierungen nicht nur daher, dass ich sie plötzlich überall sehe, sondern sie scheint mir auch Ausdruck einer gewissen digitalen Erschöpfung zu sein. In einer zunehmend digitalen Welt wächst das Verlangen nach handwerklicher Mode. Drapierungen, Faltenwürfe und Raffungen leben von der Bewegung und der Haptik des Stoffes. Sie verändern sich mit jedem Schritt und reagieren unmittelbar auf den Körper.
Schnitt & Stoff
Auf den ersten Blick ist Sumaya von Vikisews nicht besonders kompliziert: eine eher gerade, hüftlange Bluse mit langen Ärmeln. Das eigentlich Interessante passiert am Ausschnitt. Der Kragen ist angeschnitten, wird überkreuzt und im Nacken geknöpft. Dadurch entsteht diese Drapierung, die für mich den eigentlichen Reiz des Schnitts ausmacht.
Bei der Stoffwahl habe ich lange gesucht. Sumaya braucht einen Stoff, der weich genug fällt, damit die Drapierung funktioniert, aber gleichzeitig genügend Substanz hat, damit sie nicht einfach in sich zusammensackt. Er muss genau die richtige Mischung aus Fall und Stand haben. Am Ende habe ich mich für einen Tencel mit etwa 160 g/m² entschieden (Anita Pavani). Ein Kompromiss. Der ideale Stoff wäre für mich ein Crêpe Marocain oder ein Wollkrepp mit höherer Grammatur.
Größe, Anpassungen & Passform
Genäht in Gr. 42 in Höhengruppe III. Das ist ungewöhnlich für mich, weil ich wegen meines kurzen Torsos bei Vikisews in der Regel bei Oberteilen eher eine Höhengruppe kleiner nehme als meine Körpergröße eigentlich vorgibt. Das Probemodell hatte ich deshalb zunächst in Höhengruppe II genäht. Allerdings zog die Drapierung am Hals unangenehm, sobald ich mich bewegte, weshalb ich für die endgültige Version zur Höhengruppe III gewechselt bin. Da die Bluse im Gegensatz zu mir schon sehr geradlinig ist, habe ich an der Hüfte etwas Weite dazugegeben und außerdem den äußeren Schulterpunkt angehoben – eine körperbezogene Änderung, die ich bei Vikisews immer machen muss.
Wichtig zu wissen: Sumaya ist für Schulterpolster konstruiert. Auf keinen Fall wollte ich fertige, kompakte Konfektionspolster einsetzen und habe sie deshalb selbst gemacht: aus zwei abgestuften Lagen Molton und einer Hülle aus Baumwollbatist. Die Polster sollen die Schulter nicht sichtbar verbreitern, sondern lediglich eine kantige Schulterpartie als Gegenpol zur Drapierung formen.

Anleitung & Schwierigkeitsgrad
Schwierig zu nähen ist Sumaya eigentlich nicht. Anspruchsvoller ist es, bei Stoffwahl und Verarbeitung die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Die Vikisews-Anleitung ist wie gewohnt sehr detailliert. Nicht alles habe ich gemacht wie vorgesehen. Vor allem die Overlocknähte bei der Drapierung gefielen mir nicht, weil sie in Bewegung sichtbar werden könnten. Ich habe mich für eine Mischung aus Rollsaum (Drapierung) und Hongkong-Finish aus Baumwollbatist (Innenverarbeitung) entschieden.
Was gefällt, was nicht? Nochmals nähen? Weiterempfehlen?
Ich mag Kleidungsstücke, bei denen ein ungewöhnliches Detail nicht einfach dekorativ aufgesetzt ist, sondern aus der Konstruktion entsteht. Bei Sumaya ist die Drapierung zugleich Kragen, Verschluss und Gestaltungselement. Auch die Schulterpartie gefällt mir besser, als ich erwartet hatte. Bei Schulterpolstern denke ich schnell an diese „Türsteherpolster“, wie sie eine Zeit lang bei übergroßen Blazern in Mode waren. Hier machen sie etwas anderes: Sie geben der Schulter eine klarere Linie, ohne als Polster aufzufallen.
Würde ich Sumaya noch einmal nähen? Ja, durchaus – aber eher aus Interesse am Zusammenspiel von Schnitt und Stoff, als dass ich eine zweite Version bräuchte. Also vermutlich eher nein. Der Stoff entscheidet bei diesem Schnitt ungewöhnlich stark über das Ergebnis. Viele der leichten, heutzutage handelsüblichen Viskosen scheiden für mich aus. Wer Lust hat, sich mit Fall, Balance und Verarbeitung auseinanderzusetzen, bekommt dagegen einen Schnitt, der erfreulich weit weg von einer gewöhnlichen Bluse ist.
Verlinkt beim MeMadeMittwoch. Herzlichen Dank an das Team. Mmh, ob es wohl einen Zusammenhang zwischen der Länge meiner Beiträge und meinen Schwierigkeiten mich zum Schreiben aufzuraffen gibt…
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