Heute ist wieder der Zwölfte des Monats – der Tag, an dem Caro (Draußen nur Kännchen!) unsere Bilder sammelt. Ausnahmsweise habe ich 12 von 12 nicht vergessen, wie leider so oft im Alltag. Zugegeben: Es ist mir gerade erst eingefallen, während ich beim späten Mittagessen in einem kleinen japanischen Restaurant sitze und mich frage, was ich mit meinem freien Nachmittag anfangen soll, bevor es heute Abend ins Theater geht.
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Während ich mein Vegetarisch-Don genieße (Reis mit Karotten, Algen und pochiertem Ei), beschließe ich, mich endlich um die Fertigstellung von Sumaya zu kümmern. Ein Blüschen, das in meinen Augen japanisch anmutet – allerdings weniger im Sinne von Kimono & Co. oder den oft zart-verspielten japanischen Schnittmusterbüchern.
Sumaya wirkt intellektueller, sprich sperriger: ein Schnitt mit auffälliger Drapierung um den Hals, die überkreuzt verläuft und im Nacken mit Knöpfen und Schlaufen geschlossen wird. Die Silhouette erinnert mich an die japanische Mode der 1980er Jahre – etwa bei Rei Kawakubo (Comme des Garçons) oder Yohji Yamamoto – insofern, als sich die Konstruktion von den Proportionen des Körpers löst. Sie umhüllt ihn eher, bildet einen Kokon, statt an eine Gliederpuppe zu erinnern.


Im Januar hatte ich voller Enthusiasmus begonnen. Inzwischen ahne ich, warum ich im Netz kaum Umsetzungen gefunden habe. Das Probemodell zeigte schnell: Sumaya funktioniert nur in einem begrenzten Rahmen – sowohl in Bezug auf Passform als auch auf den Stoff. Brusttiefe und Schulterneigung müssen genau stimmen, sonst würgt die Drapierung (optisch) oder die Bluse kollabiert im Schulterbereich (sie ist für Polster konstruiert).
Auch der Stoff ist heikel: Er muss zugleich weich und schwer fallen, damit die Drapierung nicht wie unmotivierter Stoffsalat wirkt. Viele Seiden- und Viskosestoffe mit geringer Grammatur scheiden damit aus. Ideal wären Crêpe Marocain oder Waschseide (Tencel/Lyocell) – wegen ihres Gewichts und der matten Oberfläche.



Als wäre das nicht genug, habe ich es mir zusätzlich schwer gemacht: Die in der Anleitung empfohlene Versäuberung mit der Kettelmaschine gefiel mir nicht. Gegen gekettelte Kanten habe ich nichts – innen. Hier könnten sie bei Bewegung sichtbar werden. Also Rollsäume bei der Drapierung. Und wenn man schon dabei ist: gleich alle anderen Kanten mit Hongkong-Finish. Bedeutet: erst einmal 8 m Schrägband herstellen. Lange Rede, kurzer Sinn: Auf der Zielgeraden hat mich die Energie verlassen. Es fehlen noch Knöpfe, das Finish der Armlöcher und Schulterpolster. Habe ich nicht kürzlich noch getönt, mit UFOs könne ich nicht dienen?
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Also los. Zuerst nach Hause – Stoff holen und Knöpfe beziehen lassen. Eine der wenigen Adressen dafür ist die Inhaberin von Knopf und Schnalle.
Vorher schaue ich noch bei Yavas vorbei, auf der Suche nach Material für die Schulterpolster. Die fertigen Varianten sagen mir weder in Stärke noch Material zu. Auf meine Frage nach Cotton Padding ernte ich ratlose Blicke, erwähne aber – vielleicht im Hinblick auf den Theaterabend – auch Molton. Die beiden lächeln, verschwinden im Keller, und ich bewundere derweil wieder einmal ein Objekt der Begierde (eine kleine Dampfbügel-Station). Kurz darauf eile ich mit einem halben Meter Molton durch den Regen.
Es dämmert schon, als ich bei Knopf und Schnalle ankomme. Wenn ich ein paar Minuten warten könne, würde sie mir die Knöpfe gleich beziehen. Ich empfinde es als Geschenk, dass es ein paar solcher Läden in Berlin noch gibt. Damit kann ich die Bluse am Wochenende beenden – der angekündigte Post verschiebt sich dadurch leider.
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Ein Geschenk ist auch dieser Abend im Berliner Ensemble: De Profundis (Aus der Tiefe) von Oscar Wilde, verkörpert von Jens Harzer in einer Inszenierung von Oliver Reese. Es ist zum Niederknien. Allein die schauspielerische Leistung: Nicht nur, dass Harzer den Abend allein vor vollem Haus bestreitet (das Theater am Schiffbauerdamm – fast 700 Personen!), er tut es auf einer Fläche von 1,30 m². Hinzu kommt, dass De Profundis als Brief – eine Mischung aus Anklage, Liebeserklärung und Selbstkritik –, den Wilde im Gefängnis schrieb, in diesem Sinne keine Handlung hat.
Und ich entdecke an diesem Abend auch einen anderen Oscar Wilde. Wie vermutlich vielen war mir Wilde weniger als Autor ein Begriff (abgesehen von seinem Roman Das Bildnis des Dorian Gray), sondern als Modeerscheinung im wahrsten Sinne des Wortes: jemand, der den eigenen Lebensstil durch exzentrisches Auftreten, brillanten Witz und Provokation vermarktete. Ich denke u. a. an Bonmots wie
„Man sollte entweder ein Kunstwerk sein oder eines tragen.“, „Eleganz ist nicht, bemerkt zu werden, sondern in Erinnerung zu bleiben.“ oder „Modisch ist, was man selbst trägt. Unmodisch ist, was die anderen tragen.“
Wilde war ein Meister der Pose.
Im Gefängnis schreibt er nicht mehr, um zu glänzen, sondern aus innerer Notwendigkeit heraus – um zu verstehen, wie es nur so weit hatte kommen können. Vielleicht, weil Harzer Wilde nicht als gebrochenen Dandy spielt und auch nicht als tragischen Märtyrer, sondern als jemanden, der die Pose abstreift und sich angesichts dieser Zumutung kritisch selbst befragt, ging mir der Abend so unter die Haut.
Auf dem Boden gekrümmt meint Harzer/Wilde, die Herausforderung liege weniger darin, ein gebrochenes Herz zu vermeiden – Herzen seien zum Brechen da –, sondern darin, dass es nicht versteinert. Eine Träne rollt mir über die Wange.
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