Textile Grüße von der Documenta Fifteen (Gesehen, gelesen…)

Edit: Der Vorwurf des Antisemitismus überschattet die Documenta Fifteen in Kassel, sodass die Feuilletons aktuell über nichts anderes schreiben, was die Ausstellung betrifft. Keine Frage, die Diskussion ist längst überfällig, mehr denn je gilt: WE NEED TO TALK!* Allerdings nicht hier, dieser Blog ist nicht der geeignete Ort für ein Politikum dieser Größenordnung. Da die Vielfalt der geladenen Künstler*innen (immerhin 1500 sollen es sein) dadurch untergeht, möchte ich hier ein paar Positionen teilen, die vielleicht nicht nur für Kunst-, sondern auch für Textil- und Modebegeisterte interessant sind. Die Documenta Fifteen ist noch bis zum 25. September in Kassel zu sehen.

Małgorzata Mirga-Tas

Folklore oder zeitgenössische Kunst? Erzählerisch, gegenständlich, und dann sind die monumentalen Textilcollagen auch noch aus abgelegten Kleidungsstücken gemacht – eigene, von Bekannten oder in Second Hand Läden gefunden. Sie selbst nennt ihre Arbeiten schlicht Patchworks, z. T. arbeitet sie daran gemeinsam mit Anderen.

Mirga-Tas, eine polnisch-rumänische Künstlerin und Aktivistin (Jg. 1978), dürfte sich gegen viele Vorurteile durchsetzen haben müssen, nicht nur wegen ihrer Herkunft als Bergitka-Roma, sondern auch wegen ihrer Arbeit mit Textilien. Im Kunstbetrieb, der seit den 1960er Jahren eher auf das Konzept setzt, ist da schnell von Volkskunst oder Kitsch die Rede. Mirga-Tas, die in Krakau Bildhauerei studiert hat, ist es gelungen. Momentan ist sie sowohl auf der Documenta als auch auf Biennale in Venedig zu sehen, wo sie den Polnischen Pavillon vertritt.

Eine kleine Sensation. Denn bisher haben die Roma in der europäisch und amerikanisch geprägten Kunstgeschichte und ihrer Institutionen keinen Platz. Und genau das ist auch wiederkehrend Thema von Mirga-Tas, die in ihren Arbeiten Stereotype über die Roma infrage stellt. Vorlage für ihre Serie Out of Egypt (2021) auf der Documenta ist ein Radierzyklus von Jacques Callot aus dem 17. Jahrhundert (La vie des Egyptiens). Auch hier setzt Mirga-Tas der Art und Weise, wie die Roma von Anderen gesehen werden, die Innensicht – wie sie sich selber sehen – entgegen. Mit buntgemusterten Stoffen erzählt sie deren unerzählte Geschichte.

Aktivismus und Ästhetik werden nicht selten gegeneinander ausgespielt. Die Bildsprache von Mirga-Tas ist ein wohltuendes Gegenbeispiel, selten kommt Aktivismus so poetisch daher wie hier.

The Nest Collective

Um Identitätspolitik dreht es sich auch bei The Nest Collective, einem multiprofessionelles Team aus ca. zehn Leuten, dass sich 2012 in Nairobi/Kenia gegründet hat. Wie ein roter Faden zieht sich die Frage der Identität durch all ihre Projekte: angefangen von Fashionclips für afrikanische Modedesigner*innen, um diesen mehr Sichtbarkeit zu verschaffen (Chico Leco Presents), über den preisgekrönten Film Stories of Our Lives, der von Queerness in Kenia erzählt (einem Land, in dem Homosexualität verboten ist), über Bücher wie Not African Enough, indem es darum geht, dass Modedesign aus Afrika mehr als Waxprint ist, bis hin zum International Inventories Programme (IIP) – eine Art künstlerischer Provenienzforschung, die kenianische Kulturgüter, die sich in Museen des globalen Nordens befinden, in einer Datenbank erfasst, um Kenianer*innen so ihr Kulturerbe zugänglich zu machen. Daneben macht The Nest Musik, veranstaltet Tanz-Partys für Frauen, hat eine Programm (HEVA) aufgelegt, welches Darlehen an Kreative vergibt, um nur ein paar Projekte nennen…

Für die Documenta 15 kehrt das Kollektiv den Weg um, den Müll gewöhnlich vom globalen Norden nach Afrika nimmt. Dafür kippt es Elektroschrott auf die Karlswiese und errichtet einen Pavillon aus Altkleiderballen. In diesem ist das Video Return to Sender zu sehen, dass die negativen Folgen für die kenianische Textilwirtschaft und Umwelt aus der Perspektive der Betroffenen erzählt und diese selbst zu Wort kommen lässt.

Nur weil die Kosten weitergereicht werden, müssen sie trotzdem bezahlt werden.

The Nest Collective Im Handbuch zur Documenta

Deutschland gehört weltweit zu den größten Textilexporteuren. 40% der in Afrika ankommenden Second Hand Kleidung ist schlichtweg untragbar und landet auf der Müllkippe. Soweit wusste ich das, was mir nicht bewusst war, dass Kenianer die „Ware“ ungesehen kaufen, sprich die Ballen nicht vorher öffnen können. In den letzten Jahren haben sich mehrere afrikanische Länder gegen die Einfuhr von Altkleidern zu wehren versucht. Die USA drohten daraufhin, die betreffenden Ländern aus dem AGOA Abkommen auszuschließen, das zollfreien Zugang zum US-Markt gewährt. Meines Wissens hat es bis heute nur Ruanda geschafft, ein Importverbot durchzusetzen.

The Nest Collective verbindet Identitätspolitik – sprich: nicht nur Objekt, sondern auch Subjekt der Erzählung zu sein – mit kollektiver Selbstorganisation. Während für die einen dieser Abschied vom künstlerischen Egotrip den Untergang des Abendlandes markiert, ist für Andere das Handeln in kleinen Gemeinschaften eine Möglichkeit, mit dem Versagen von Regierungen und den Grenzen staatlicher Institutionen konstruktiv umzugehen.

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*Titel der Gesprächsreihe im Vorfeld der Documenta 15, die abgesagt worden ist. Der Vorwurf des Antisemitismus tauchte erstmals Anfang des Jahres im Zusammenhang mit Bekanntwerden der Künstlerliste auf.

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9 Kommentare

  1. Die Arbeiten von Mirga-Tas sind wirklich beeindruckend, gerade wenn einem ihr Größe bewusst wird. Als Näherin stelle ich mir besonders die Entstehung sehr schwierig vor.
    Das Nest Collective spricht bei mir einen Punkt an, der mich in letzter Zeit mehr und mehr beschäftigt. So gerne ich mit Meterware neue Dinge erschaffe, macht es mir immer mehr schlechtes Gewissen. Denn auch wenn ich meine Kleidung sehr lange trage, repariere und anschließend so lange selbst weiterverwende bis sie schließlich als Putzlumpen in meiner Werkstatt enden, und damit meine eigene Kleidung nicht in dieses System fällt, bedrückt es mich. Schließlich hätte ich, wenn ich Second Hand Kleidung anstatt neue Stoffe vernäht hätte, ja noch etwas zusätzlich aus diesem Ablauf herausnehmen können. Ich finde es bei so vielen Themen schwer, für dich selbst diese “Schuldfrage” zu beantworten…

    Vielen Dank für den Einblick in die Documenta

    • Manuela

      Ja, die Textilcollagen von Mirga-Tas erinnern im Format an klassische Tapisserien. Schön, dass man das offenbar erkennen kann.
      Es hat für mich immer etwas von “Eulen nach Athen tragen”, hier über die Folgen unseres Handelns für die Umwelt und den globalen Süden zu schreiben. Da die meisten Leute, die hier lesen, bestimmt nicht zu denjenigen gehören, die aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit, den Planeten gerade gegen die Wand fahren… Im Gegenteil, nicht selten sind es Leute, die sich ziemlich viele Gedanken machen. Weiß ich, weil ich einige persönlich kennenlernen durfte 😉 Falls Du noch eine Sommerlektüre suchst, kann ich Dir “Wir sind das Klima” (We are the Weather) von Jonathan S. Foer ans Herz legen – ein sehr menschliches Buch – in dem er u.a. der Frage nachgeht, warum wir alle zwischen Verdrängung und Schuldgefühlen bei solchen Themen pendeln.
      Mich fasziniert an The Nest Collective – mal abgesehen, dass ihre Projekte nicht nur politisch, sondern ziemlich stylish sind; selbst der Pavillon aus Lumpen hat als “Kinosaal” keine schlechte Figur gemacht – der Aspekt des gemeinsamen Handelns und der DIY-Approach gemäß dem Motto: Kommt keiner, machen und helfen wir uns selbst, und zwar gemeinsam…
      Herzlichen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar.
      Liebe Grüße Manuela

  2. Danke, dass du einfach einen anderen Einblick in die Documenta gibst, ich hatte schon Zweifel, ob man da noch hinfahren kann…
    Liebe Grüße, Anja

    • Manuela

      Ja, ich befürchte, dass diese Documenta einer Kollektivverurteilung kaum mehr entkommen kann, was mir sehr leid tut, für die Künstler*innen, die über jeden Antisemitismus-Verdacht erhaben sind und das sind nicht wenige…
      Ich würde also sagen, man kann hinfahren.
      Liebe Grüße Manuela

  3. Merci für deine speziellen und interessanten Eindrücken von der Dokumenta.
    LG von Susanne

  4. ich danke dir – liebe manuela – dass du A) die reise unternommen hast und B) 2 sehr interessante künstler/kollektiv hier präsentierst! <3
    małgorzata mirga-tas macht mir viel hoffnung! denn wie du schon andeutest, ist es etwas sehr besonderes, als roma im kunstbetrieb wahrgenommen zu werden – und leider eben immernoch auch als frau – die dann auch noch mit einer "frauentypischen" technik arbeitet…… kann mir förmlich die alten weissen männer des business vorstellen, wie sie die nase rümpfen. aber – es ändert sich tatsächlich was!! hurrraaaa!
    und the nest collective: jawoll – wegen mir könnte der schrotthaufen auf der parkwiese noch sehr viel grösser ausfallen – damit auch der letzte kapiert, was sein krankhaftes konsumverhalten anrichtet!
    indien hat schon sehr früh die einfuhr von alttextilien verboten, nur geschreddert dürfen die ins land – dort werden dann teppiche etc. draus gemacht. das hat der indischen textilindustrie den allerwertesten gerettet….. leider fehlte es im nachkolonialen afrika an einer geistigen elite wie in indien – aus komplexen gründen, die die westliche welt verschuldet hat – und so hatte keiner die sache mit den textilien auf dem schirm. afrikanisches waxcotton kommt heute aus indonesien oder dem erzgebirge (das ist allerdings eine faszinierende geschichte!) und auch sonst hat der export unserer lumpen nur negative auswirkungen – sogar wenn sie noch tragbar sind, nicht zuletzt auf die gesundheit der leute (billig-poly-fetzen in tropischem klima….)

    danke – liebe rasende textilkunst-reporterin! 😀

    zur alles überschattenenden diskussion: offensichtlich mehr als notwendig und zwar weltweltweit! – aber sehr schade für die vielen guten künstler, die dadurch in der medialen aufmerksamkein "hinten runter fallen"…..

    hält man die hitze denn noch aus im alsphaltdschungel?
    stay cool!
    xxxxx

    • Manuela

      “Rasende Textilkunst-Reporterin” – damit könnte ich mich anfreunden!
      @asphaltdschungel: Für mein Empfinden geht es momentan noch, weil nachts die Temperaturen so fallen, dass wir durch Öffnen aller Oberlichter und Durchzug eine “Nachtkühlung” hinbekommen. Aber es ist einfach viel zu trocken…
      @waxprint: Ich dachte, dass er schon immer aus Indonesien kam – und als sogenannter “Dutch wax” über die Niederlande und Fabriken aus Manchester nach Afrika exportiert wurde. Es ist schon absurd, in Europa symbolisieren für nicht wenige Waxprints kulturelle Authentizität, aber er stammt eigentlich aus der Kolonialzeit. Dass afrikanische Waxprints neuerdings im Erzgebirge produziert werden, ist mir allerdings neu. Die Geschichte musst Du mir unbedingt mal erzählen!
      Herzliche Grüße Manuela

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