Die Ausstellungen “Wonders” & “Material Loops” (Gesehen, gelesen, gemacht…)

Im Juli hatte ich ein paar Tage frei und habe zwei Ausstellungen besucht. Da sie thematisch zum Blog passen, möchte ich sie hier nicht unerwähnt lassen. Beide lassen sich gut an einem Nachmittag besuchen, insofern sie nicht sonderlich groß und für Berliner Verhältnisse auch nicht weit voneinander entfernt sind (mit dem Fahrrad weniger als 10 Minuten). Die eine, Wonders. Die Mode-Revolution aus Finnland ist noch bis zum 19. September in den Nordischen Botschaften zu sehen, die andere Material Loops – Wege in eine kreislauffähige Zukunft können sich Kurzentschlossene noch bis zum Sonntag im Kunstgewerbemuseum anschauen. In beiden geht es um Nachhaltigkeit und Design, beide stellen eine junge Generation von Designer*innen und innovative Materiallösungen vor.

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H. hat nur müde gelächelt, als ich ihm die Ausstellung Wonders als sonntägliches Ausflugsziel vorschlug, leicht euphorisch, was es doch für abgefahrene Fasertechnologien gibt. Aha. Mit Technik also gegen den Klimawandel, technische Innovationen allein würden uns nicht retten. Ich weiß. Recht hat er, die Wahrheit ist leider so simple wie unpopulär: Weniger wäre mehr, oder noch deutlicher, weniger statt immer mehr. Neben Reduzieren & Minimieren sowie Reparieren & Kompensieren kann Innovation & Optimierung eben nur eine von drei Sperrspitzen im Kampf gegen den Klimawandel sein. Allerdings hat mir der visionäre Blick, den diese Designer*innen in die Zukunft wagen, gutgetan; bisweilen scheint mir die Berichterstattung über den Klimawandel in den konventionellen und sozialen Medien allzu apokalyptisch.

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Mit ihren Materialinnovationen versuchen die Designer*innen in Wonders Antworten zu finden auf den Ressourcenverbrauch und die riesigen Abfallmengen der Textilindustrie. Dabei setzten sie gleichermaßen auf Recycling und neue Technologien, verbinden diese sogar miteinander, wenn sie Abfälle aus der Landwirtschaft und Textilindustrie verspinnen. Aus aufbereiteten Alttextilien, Altpapier oder Stroh entstehen Fasern mit solch klanghaften Namen wie Bio2X, InfinnaTM, Ioncell oder Spinnova ohne schädliche Chemikalien und mit geringerem Wasserverbrauch als bei der Herstellung von Baumwolle oder Viskose. Doch Ziel ist nicht nur eine umweltfreundlichere Produktion, sondern eine textile Kreislaufwirtschaft, in der Textilien bzw. Fasern immer wieder recycelt werden, wenn sie nicht gleich biologisch abbaubar sind.

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Das bringt mich zur zweiten Ausstellung, Material Loops, die ebenfalls einen Ausweg aus dem Take/Make/Waste-Denken der linearen Wachstumsökonomie sucht. Schon heute gibt es mehr Dinge als Lebewesen auf der Erde und seit hundert Jahren verdoppelt sich ihre Menge alle zwanzig Jahre. Textiles nimmt in der Ausstellung nur einen Teil (Fashion Loops) ein, aber einen beträchtlichen, weil die Textilbranche zu den Industriezweigen mit der höchsten Luft- und Abwasserverschmutzung gehört. Vorgestellt werden Projekte, Initiativen, Start-Ups, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Lebensdauer von Materialien zu erhöhen. Da es sich bei Material Loops um eine Museumsausstellung handelt – auch wenn sie mich optisch eher an die Rundgänge in den Berliner Kunsthochschulen erinnert – blickt die Ausstellung auch zurück auf die Anfänge des grünen Designs. Es war in den 1970er Jahren nach der Ölkrise, als der Club of Rome erstmals das Ende des Wachstums verkündete. Seitdem scheint zu gelten:

Jeder, der glaubt, exponentielles Wachstum kann andauernd weitergehen in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom.

Kenneth e. boulding

Ganz im Sinne der Ausstellung gibt es keinen Katalog zu Material Loops, sondern einen digitalen Reader (deutsch & englisch), den man sich kostenlos von der Website (s.o.) herunterladen kann, falls man es nicht mehr bis Sonntag ins Kunstgewerbemuseum schafft; und auch das Ausstellungsdesign von Wonders ist komplett recycelt aus ausgemusterten Hotelkissenbezügen, Baustellenbannern und Schnüren der finnischen Armee.

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6 Kommentare

  1. danke für den neuerlichen ausstellungsreport!
    ich komme hier grad nicht weg aus´m wald ;-D

    ein bisschen muss ich das müde lächeln teilen….
    ich habe mich in den letzten 20 jahren intensiv mit der historie der kleidung auseinandergesetzt – und festgestellt, dass dieses ex&hopp erst mit der industriellen revolution aufkam. und selbst da war bis zum wirtschaftswunder nach dem 2. weltkrieg noch ein relativ nachhaltiger kreislauf im gange – abgesehen davon, dass die bis dahin natürlichen materialien ganz zum schluss tatsächlich einfach zu erde zerfallen sind. erst dank der polys haben wir ein entsorgungsproblem.
    aber! die textilherstellung war schon immer eine riesen-umweltsauerei – leder übrigens auch. unmengen wasser wurden gebraucht, das abwasser war extrem verschmutzt durch farben und laugen.
    allerdings – das wurde halbwegs aufgehoben durch die geringen mengen (im vergleich zu heute geradezu lächerlich) die produziert wurden – und die extrem lange benutzungsdauer der textilien.
    also alles schonmal dagewesen 😀

    mal das pferd von hinten aufgezäumt: in meiner beobachtung hat sich die mode die letzten 30 jahre nicht mehr wirklich geändert – nur in details. und die looks, die man so sieht, werden zum grossteil auch immer schäbiger…… aber in genau dieser zeit ist der modekonsum ins gigantische angewachsen.
    es hat also nichts mit modisch/chic/zeitgemäss angezogen sein zu tun, dass alle immer mehr plünnen shoppen – sondern ganz offensichtlich andere gründe.
    ich tippe – neben der miesen qualität & haltbarkeit – auf emotionale/charakterliche defizite der verbraucher (ich shoppe also bin ich) und daraus resultierender manipulierbarkeit durch eine industrie, der ausschliesslich am profit gelegen ist – “mode” interessiert niemanden.
    armselig.

    die MODE in den ausstellung allerdings macht richtig gute laune! da muss es gar keine high-end-faser sein – solche klamotten würde ich tatsächlich tragen, bis sie mir vom leib fallen!

    schüttets bei euch auch so? hab schon die wollsachen vorgeholt……
    xxxxx

    • Manuela

      Das Wetter ist hier besser als angesagt. Berlin ist und bleibt eben ‘ne Sandbüchse; wechselhaft, vielleicht für August etwas kühl. Die Sommersachen habe ich zwar noch nicht weggepackt, aber schon mal einen ersten Blick auf die noch vorhandenen Wollstoffe geworfen. Nähtechnisch mag ich Herbst & Winter sehr gern.
      Ja, die Textilindustrie hatte schon immer auch eine schmutzige Seite. Das ist mir nochmals bei der Lektüre von “Fashionopolis” klar geworden. Die mit der industriellen Produktion einhergehenden Probleme waren nie wirklich verschwunden, sondern wir haben sie einfach nur aus unserem Gesichtsfeld verbannt. Und nun wird die Erde zu klein…
      Apropos Leder: Am Ende des Raumes im ersten Bild erkennt man vielleicht einen Schreibtisch (das Modell “Alles im Griff”), ein Projekt der Möbelklasse der Burg Giebichenstein. Die Tischplatte und Schubladen bestehen aus RELEA (REcykled LEAther). Das Material wurde aus den ca. 1,4 Millionen Tonnen (!) Lederabfall gewonnen, die jährlich bei der Herstellung von Lederwaren anfallen und bisher hauptsächlich verbrannt werden. Leider brauche ich keinen Schreibtisch, aber in ein paar Jahren vielleicht eine Lesebrille; und da habe ich in der Ausstellung auch schon ein lässiges Brillengestell aus einem kompostierbaren Polymer für mich entdeckt.
      Ich denke auch, dass es letztlich eine (Rück-)Besinnung auf ein gesundes Maß braucht! Andererseits kann ich mich nach wie vor an guter Gestaltung erfreuen; und gelungen ist für mich ein Design besonders dann, wenn es Potentiale entdeckt, wo andere nur Müll sehen. Und davon gab es in beiden Ausstellungen einige Beispiele zu sehen, die Mut machen.
      Ich drücke Dir die Daumen, dass es bei Euch bald zu regnen aufhört, damit Du auch etwas von dem ganzen schönen Wald hast…
      Liebe Grüße Manuela

  2. Danke für deine spannenden Berichte und danke auch an Die Bahnwärterin für ihre immer wieder guten Kommentare, ich stimme ganz und gar zu, wenn es um Kompensation anderer Bedürfnisse beim “plünnen shoppen” geht. LG aus Frankfurt, wo es immerhin nicht regnet, Anja

    • Manuela

      Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, warum alle immer mehr shoppen – vielleicht liegt es an der Geldpolitik der EZB… 😉
      Dankeschön & liebe Grüße nach Frankfurt
      Manuela

  3. Deine Ausstellungsrezensionen lese ich immer mit grossem Interesse; merci dafür

    Zur Sache haben Die Bahnwärtein und Anja schon alles gesagt
    Herzliche Grüße von Susanne

    • Manuela

      Dank Dir Susanne. Das freut mich sehr, dass sie auf Dein Interesse stoßen.
      Liebe Grüße Manuela

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