Nautical Chic: Grasser No. 328 & No. 110

Es liegt in der Luft! Seit einiger Zeit tauchen russische Schnittmusterfirmen wie Grasser, Viki Sews oder LaForme vermehrt bei Bloggerinnen und Instagrammerinnen auf. Natürlich konnte ich auch nicht widerstehen und habe ein paar Schnitte von Grasser ausprobiert. Auf das Label, das vom Laufsteg inspirierte Schnitte anbietet, bin ich vor anderthalb Jahren aufmerksam geworden durch Julias (Sewing Galaxy) Mantel-Cross.

Schnitt & Stoff

Schon länger wollte ich eine zweite Matrosenhose, bei der die Knöpfe nicht nur Fake sind (wie hier). No. 328 ist von der Max Mara Kollektion F/S’16 inspiriert. Für diese hat Ian Griffiths, Ex-Punk und Designer hinter dem Label, ein weiteres Mal den maritimen Look bemüht – seit Coco Chanel ist der Nautical Chic ja ein Dauerbrenner auf den Laufstegen… Genäht habe ich No. 328 aus einem mittelschweren Wollstoff in schwarz-brauner Salz-Pfeffer-Optik, laut meines Notizbuches Herbst 2017 am Maybachufer gekauft. Der Stoff liegt also schon länger, für alles findet sich irgendwann das richtige Projekt. Er hat einen wunderbaren Fall, tendiert aber leider zum Fäden ziehen. Ich weiß nicht, ob ich es bereits erwähnt habe, ich habe ein Faible für Anzugsstoffe und offensichtlich gerade auch für die Farbe Braun. Vielleicht liegt es an zu vielen Folgen Babylon Berlin oder am Themenmonat #sewmenswearforeveryone auf dem Communitiy-Blog Sewcialists. Während unter dem Hashtag viel Kleidung von und für Männer zu sehen ist (für alle, die auf der Suche nach Herrenschnitten sind), stellen die Blogbeiträge die Geschlechtertrennung in der Mode eher in Frage. Eine spannende Diskussion und inspirierende Aktion, wie ich finde!

Die Vintage-Knöpfe sind aus meinem Bestand, wie so oft ein Flohmarktfund. Natürlich hatte ich nur sieben statt der benötigten acht. Tatsächlich haben wir vor ein paar Wochen noch einen auf dem Markt gefunden, genauer gesagt, H. hat ihn aufgetrieben. Bei mir drohte die Stimmung gerade zu kippen, denn die anderen Knöpfe waren schon an der Hose…

Und was trägt frau zur Matrosenhose, natürlich ein Streifenshirt. Für meins habe ich Schnitt No. 110 von Grasser genommen, den man sich aktuell kostenlos herunterladen kann. Der Stoff (ein s/w BW-Jersey von Hüco) war mal eine Uvita (ebenfalls ein Freebook von Itch to Stitch), die mir an mir nicht gefallen hat. Ich habe sie wieder auseinander genommen und No. 110 daraus genäht, weshalb mein Shirt auch etwas kürzer geraten ist als es das Schnittmuster vorsieht; zudem hat der Stoff nur mehr für kurze Ärmel gereicht. Eines meiner Ziele dieses Jahr: mehr Up- und Recycling. Hier hat sich inzwischen eine ganze Kiste mit Sachen zum Wiederverwerten angesammelt…

Größenwahl, Anpassungen & Passform

Größe 48! Ehrlich gesagt, da habe ich schon etwas geschluckt – ein gutes Training, sein Wohlbefinden nicht von einer Konfektionsgröße abhängig zu machen. Wie bei den meisten Maßtabellen liege ich auch bei Grasser zwischen zwei Größen. Da man beim Kauf aber nur eine Größe erhält, und dementsprechend nicht selbst gradieren kann, habe ich die größere genommen, denn bekanntlich lässt sich Weite aus einem Kleidungsstück leichter herausnehmen als zugeben. Grasser bietet seine Schnitte zudem als Lang- und Kurzgrößen an, ich habe Gr. 48 für einer Körperhöhe zwischen 170-176 cm genommen. Die Hosenbeine fallen für mein Empfinden sehr lang aus. Ich habe den Schnitt nochmals für die kleinere Höhe (164-170 cm) gekauft; das ist völlig ausreichend gewesen, obwohl sie mir nun eigentlich zu kurz sein müsste. Ansonsten bin ich in die Passform von No. 328 schwer verliebt, besonders gefällt mir, dass die hinteren Hosenbeine jeweils zwei Abnäher haben – ideal für meine Kurven. Nur am Bund würde ich das nächste Mal eine minimale Hohlkreuzkorrektur vornehmen.

Das Shirt (ebenfalls Gr. 48) finde ich so lala, besonders die Falten unter den Achseln stören mich. Wie bekomme ich die weg? Abnäher? Ich kann mir No. 110 gut zum Unterziehen (bei Latzhose, -kleid, Jumpsuit o. ä.) vorstellen oder zu weiten Röcken und Hosen, wenn man das Shirt in den Bund gesteckt mag. Ansonsten müssen Shirts für mich nicht mehr so arg auf den Körper gezimmert sein. Zum Teil mag das sicherlich am Stoff liegen. Ich habe auch den Rolli (No. 580) von Grasser genäht, einmal in einem gerippten Jersey, der zu weit geworden ist, und einmal in einem Baumwolljersey, der für meinen Geschmack zu eng sitzt.

Ich fände es hilfreich, wenn die Hersteller*innen angeben würden, für welchen Elasthangehalt ein Schnitt entworfen ist. Die Erfahrung hat mir inzwischen mehrmals gezeigt, dass das Ergebnis trotzt derselben Größe bei Strickstoffen ganz unterschiedlich ausfallen kann; und ich scheine kein Händchen für negative Nahtzugaben zu haben.

Anleitung & Schwierigkeitsgrad

Ohne Anleitung genäht, ich konnte das entsprechende PDF bei No. 328 leider nicht öffnen, weil die Datei „beschädigt oder nicht richtig decodiert“ worden sei, so die Fehlermeldung? Vielleicht schreibe ich Grasser noch eine Mail… Aber es ist ja nicht die erste Hose, die ich nähe. Außerdem hat Katharina (Fröbelina) über ihre Sailor Jeans einen so anschaulichen Post geschrieben, dass ich meine Matrosenhose danach zusammenbauen konnte. Dafür liebe ich die Blogosphäre! Für das Shirt habe ich die Anleitung (nur auf Russisch) nicht gebraucht. Vielleicht erwähnenswert: Generell fallen die Anleitungen bei Grasser (zumindest bei den Schnitten, die ich gekauft habe) eher knapp aus.

Was gefällt, was nicht? Nochmals nähen? Weiterempfehlen?

In dem Viertel, in dem ich aufgewachsen bin, gab es zwei alteingesessene Bäcker: Der eine konnte besser Brot und Brötchen backen, bei dem anderen haben wir lieber Kuchen gekauft. So geht es mir im Augenblick mit Grasser. Von der Hose bin ich absolut begeistert. Seit ihrer Fertigstellung wohne ich darin. Der zugrunde liegende Grundschnitt und die russische Maßtabelle mit starker Taillierung kommen meiner Figur entgegen. Eine Wiederholung von No. 328 ist garantiert.

Die Passform der zwei Shirts, die ich bisher probiert habe, ist dagegen nicht so optimal. Entweder müsste ich hier mit der Größe experimentieren (was sich eher bei dem Freebook anbietet, da man beim Kauf nur eine Größe erhält) oder Zeit in die Anpassung investieren – die für ein Shirt verhältnismäßig hohe Armkugel bei No. 110 finde ja schon chic. Meine Suche nach dem idealen Baselayer geht also weiter…

Euch einen guten Start in die neue Woche!

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12 Kommentare

  1. Die Hose ist ja toll! Und wie spannend deine Schnittmuster Besprechung. Das Label schaue ich mir mal genauer an 🙂 Der Stoff gefällt mir auch und was ein Glück dass du noch einen passenden Knopf finden könntest. Schön dass mein Post für geholfen hat, ich wollte eigentlich auch dringend nochmal so eine Hose nähen.
    Bei dem Short weiß ich auch nicht so recht. Irgendwas ist da nicht stimmig irgendwie. Vielleicht ist der Ausschnitt zu geschlossen? Also tragbar ist das definitiv, aber ich verstehe dass der Funke nicht über springt.
    Liebe Grüße
    Katharina

    • Manuela

      Dankeschön Katharina, auch nochmals für die Detailfotos und die Prozessbeschreibung Deiner Matrosenhose. Das hat mir wirklich sehr geholfen. Liebe Grüße Manuela

  2. Ich liebe diese Hosenform. Sie steht dir super. Aber ein russischer Schnitt, da hätte ich Angst nichts zu kapieren. IhR seid alle sehr mutig wie ich finde. Und nun rätsele ich noch, in welchem mediterranen Ambiente du bist. Weil Berlin ist ja doch anders. Schöne Ferien jedenfalls. LG Anja

    • Manuela

      Grasser betreibt auch eine englischsprachige Seite, auf der es ein Teil der Schnitte gibt. Die Schnittmuster selbst sind zweisprachig (Russisch/Englisch) beschriftet und wie gesagt, die Anleitungen sind ohnehin eher knapp. Mit etwas Erfahrung, einem guten Nähbuch oder Blogpost funktioniert das eigentlich gut…
      Wandern in der mallorquinischen Tramuntana, das war der Abschiedsspaziergang durch’s Dorf…
      Herzlichen Dank & liebe Grüße
      Manuela

  3. Was eine superschöne Hose. In die wäre ich auch eingezogen 🙂

  4. Die Matrosenhose aus Anzugstoff sieht wirklich super an dir aus.
    Und es ist doch ein guter Erfolg, einen Schnitthersteller gefunden zu haben, dessen Hosenschnitt dir ausgezeichnet passt.
    Beim Shirtschnitt brauchst du wahrscheinlich tatsächlich Brustabnäher, damit es besser passt. Und ja, bei Shirtschnitten hängt der Sitz auch sehr davon ab, wie der Jersey fällt und welchen Elastananteil er hat; das muss man beim Zuschnitt immer versuchen, irgendwie einzuschätzen.
    LG von Susanne

    • Manuela

      Dank Dir Susanne. Mit der Hose bin ich auch überglücklich.
      Irgendwie gelingt mir die Einschätzung der Dehnbarkeit bei Jersey noch nicht so gut, zumindest nicht bei figurnahen Schnitten, oft sind sie zu eng oder zu weit, ich versemmle da leider ordentlich Stoff…
      Viele liebe Grüße Manuela

  5. Über Grasser bin ich jetzt schon mehrfach auf diversen Blogs gestolpert und nun auch bei Dir – spannend! Denn obwohl ich in der Schule Russisch hatte, traue ich mich nicht an solche ungewohnten Schnittlabels ran, obwohl mir einige Teile sehr gut gefallen. Auch Deine Hose ist sehr schön geworden, mit feinen Details. Der klassische Anzugstoff gibt ihr was Edles. Zum Shirtproblem kann ich leider nicht so viel beisteuern, weil ich bis auf eines noch kein enganliegendes genäht habe. Ich scheue mich da auch etwas vor dem unberechenbaren Jersey…
    Liebe GRüße von Ina

    • Manuela

      Nur Mut! Wie gesagt, es gibt auch die englischsprachige Seite und die finanzielle Investition hält sich in Grenzen, Grasserschnitte sind vergleichsweise preiswert. Mit Deiner Erfahrung sollte das zu machen sein.
      Ja, ich finde Jersey auch biestiger als Viskose…
      Herzlichen Dank & Liebe Grüße Manuela

  6. Tolle Hose! WOW.
    Und, Dein Mann ist toll!

    Zum Shirt fällt mir auch nur ein, dass es am fehlenden Brustabanäher liegen könnte. Oder, anders gesagt, Du mit einem Shirt mit Brustabnäher mehr Freude haben könntest.
    Meike (von Crafteln) hat sich doch ziemlich mit Abnähern auseinandergesetzt. Vielleicht findest Du – auch in älteren Einträgen – da etwas.

    Vielleicht tröstet es Dich, wenn ich Dir kurz von meinen Shirt- Schnitt-Erfahrungen berichte?
    Das kürzlich gezeigte Paola Turtleneck habe ich aus verschiedenen Stoffen genäht. Der sw/gestreifte Stoff ist ein Romanit und etwas dicker. Zunächst fand ich ihn zu klein für den Schnitt (nach dem Motto: dünner Stoff, kleinere Größe, dickerer Stoff, größere Größe). Mittlerweile finde ich ihn aber perfekt, so wie er ist.
    Das Astoria aus dem letzten Post war das Erste nach diesem Schnitt und in “S”. Ein weiteres aus eher unelasthischem Jersey in “M” hingegen fühlt sich beim Tragen noch kleiner an, als das Graue in “S”.
    Nach schönen Shirtschnitten für mich habe ich sehr lange gesucht.
    Wir können uns da gerne bald mal wieder in “real” austauschen.
    Viele Grüße,
    Birgit

    • Manuela

      Dankeschön Birgit.
      Da hat sich jemand sehr über Dein Kompliment gefreut!
      Ja, ich fürchte auch, dass ich einen Abnäher brauche – hatte aber gehofft, ohne auszukommen..
      Deine Paola hat mich beim letzten MMM so begeistert, dass ich den Schnitt nun gekauft habe… Ich bin mal gespannt! Ein guter Hinweis, denselben Schnitt aus verschiedenen Jerseys zu nähen und sich so heranzutasten.
      Liebe Grüße, bis bald.
      Manuela

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