Gesehen, gelesen: My Dior, my Dior…

Edit: Noch habe ich den Plan nicht aufgegeben, irgendwann in die Gemeinschaft der Blogger*innen zurückzukehren und wieder regelmäßig zu bloggen und zu kommentieren. Fürs Erste allerdings nur ein lieber Gruß an all diejenigen, die hier immer noch vorbeischauen. Eure Anteilnahme hat mich sehr berührt! Danke. Ich hatte diesen Beitrag im Januar angefangen zu schreiben, dann aber nicht beenden können – er entstand in Reaktion auf Memas Vorhaben, ein Kleid von Dior nachzuempfinden, welches sie in einer Ausstellung gesehen hatte. Vor dem Hintergrund, dass die Welt, in der wir leben, seit einer Woche eine andere ist, erscheint mir dieser Post fast anachronistisch, da er von Dingen handelt, die die Welt im Moment nicht braucht. Im besten Fall trägt er im Sinne einer Pause dazu bei, neue Kräfte zu sammeln…

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In Berlin widmet sich gerade eine kleine Ausstellung ebenfalls dem französischen Couturier. Anlässlich der Neuzugänge in die Sammlung zeigt das Kunstgewerbemuseum die Ausstellung How to Dior? Christian Dior und seine Nachfolger*innen (noch bis zum 26. Juni 2022).

Modelle der nachfolgenden Chefdesigner bzw. Kreativdirektoren im Haus Dior

Sagt Dior jungen Designer*innen überhaupt noch etwas? Wurde doch die Haute Couture bereits in den 1970er Jahren von dessen Assistenten und erstem Nachfolger Yves Saint Laurent für tot erklärt. Neben den Neuerwerbungen, darunter Modelle von Dior selbst, Saint Laurent und u. a. John Galliano (1997-2011 Chefdesigner des Hauses) sind in der Ausstellung Entwürfe von Studierenden zu sehen; leider werden diese getrennt in einem anderen Stockwerk präsentiert, was schade ist. Denn die angehenden Modedesigner*innen von der Hochschule Macromedia sehen sich mit derselben Herausforderung konfrontiert, wie jeder Chefdesigner in der Nachfolge von Dior, sprich: einerseits das Erbe des Gründers und die Identität der Marke zu bewahren, andererseits die eigene Handschrift als Designer unter Beweis zu stellen.

Diese Gratwanderung, die DNA des Hauses sowohl zu respektieren als auch zu modernisieren, lässt sich übrigens wunderbar in dem Dokumentarfilm Dior and I (Trailer) nachvollziehen, der Raf Simons 2012 bei seiner ersten Kollektion als neuer Kreativdirektor von Dior begleitet.

Was als bewahrungswert gilt, ist offenbar zeit- und generationsabhängig. So stellt die Entwurfsklasse der Hochschule Macromedia neben der Schnitttechnik besonders die Gender Fluidity von Dior heraus!? Das trifft wohl eher auf die Marke als auf Dior selbst zu. Bisher dachte ich, dass Dior Frauen eher wie Blumen behandelt hat – in Abgrenzung zur strengen Mode der Kriegsjahre, die sich durch sparsamen Materialeinsatz und die Betonung der Schultern ausgezeichnet hat.

Fast noch spannender als die Modelle selbst, fand ich das Drumherum; dass man in der Ausstellung am Gestaltungsprozess teilhaben kann; so sind neben den Modellen historische Recherchen, Moodboards, Skizzen usw. zu sehen. Zudem bekommt man einen Einblick in das Kommunikationsdesign rund um Mode – zugegeben, ein weniger romantisches Feld – angefangen von Zielgruppenanalysen, über die Entwicklung von Werbestrecken und Ausstellungsplakaten bis hin zu Performances. In der Ausstellung liegt ein Booklet aus, dass die Studentenprojekte en détail dokumentiert. Mich hat allerdings ein wenig abgeschreckt, dass es nur digitale Quellenangaben enthält. Können Studierende mit Büchern nichts mehr anfangen?

Vielleicht aus Protest habe ich kurz darauf Das kleine Buch der Mode gelesen, das Christian Dior 1954 veröffentlich hat. Es gibt zahlreiche Auflagen; hin und wieder findet man den Band für wenig Geld auch antiquarisch.

Aufgebaut wie ein Wörterbuch – von A wie Abnäher bis Z wie Zobel – ist das Buch eine Mischung aus Nachschlagewerk, Zeitzeugnis und Ratgeber. Im praktischen Taschenformat lassen sich darin Begriffe wie Faille (ein Seidenstoff) oder Biesen (abgesteppte Falten) nachschlagen, erfährt man etwas über Diors ästhetische Auffassung und sein Frauenbild der Nachkriegszeit; nicht zuletzt enthält es eine Reihe gut gemeinter Ratschläge, was Frau (nicht) tragen soll, wie man sie auch aus Frauenzeitschriften & Co. kennt. Gewöhnlich ignoriere ich Geschmackswächter jeder Art geflissentlich. Aber einige von Diors Aussagen fand ich überraschend zeitgemäß (wie z. B. den Rat, in qualitativ hochwertige Sachen zu investieren und diese dann auch zu pflegen), ja bisweilen sogar feministisch!

Die Mode kennt nur zwei Altersklassen: junge Mädchen und erwachsene Frauen. […] Kaum ein ‚Accessoire‘ wirkt so edel wie graues Haar. Frauen mit grauen Haaren versprühen einen ganz besonderen, würdevollen und weiblichen Charme.

Christian Dior

Da begegnet einem heute mitunter mehr Altersdiskriminierung. Zur Erinnerung: Dior schrieb diese Zeilen 1954, mehr als ein halbes Jahrhundert bevor Maria Grazie Chiuri, die aktuelle Chefdesignerin bei Dior, den Slogan We should all be Feminists auf weiße T-Shirts drucken ließ. Mehr als die hochpreisigen T-Shirts empfehle ich allerdings den gleichnamigen TED-Talk von Chimamanda Ngozi Adichie, aus dem besagter Satz stammt. Adichie beweist, dass Feminismus nicht nur lehrreich, sondern äußerst amüsant sein kann.

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15 Kommentare

  1. Danke für diesen Bericht, der macht mal wieder richtig Lust auf einen Museumsbesuch. Zu den grauen Haaren fällt mir ein, dass mein Vater immer eine Anekdote von einer Schauspielerin erzählte (deren Name mir leider entfallen ist). Sie soll als alte Dame dem Fotografen gesagt haben: “Retuschieren Sie mir ja nicht die Falten weg, die habe ich mühsam erlitten”.
    Ist das nicht die wahre Emanzipation? Zu sich selber zu stehen und der Mensch zu sein, als den man sich selber sieht, egal, was der Rest der Welt davon hält?

    Bitte verabschiede Dich nicht aus der Bogger-Community, Du würdest uns echt fehlen. Natürlich ist das analoge Leben das, was am meisten zählt, aber auch in der virtuellen Gemeinschaft entstehen Beziehungen und Austausch, den man sonst nicht hätte. Es ist wie immer eine Frage der Balance.
    Ganz herzliche Grüße, Stefanie

    • Manuela

      Dankeschön! Ich freue mich immer, wenn ich Lust auf Museen und Bücher machen kann.
      Ja, ich denke auch, dass das Leben Spuren an einem hinterlassen darf, obwohl ich nach dem ganzen privaten Kummer und nun dem Krieg in der Ukraine zur Abwechslung ein paar Lachfalten vorziehen würde… Umgekehrt, so mein Eindruck, läuft man schnell Gefahr sich lächerlich zu machen, wenn man gelebtes Leben durch allzu viel Retusche, Filter o. ä. zu leugnen versucht. Ich halte es mit den Hortensien, die entfalten zu jedem Zeitpunkt eine ganze eigene Schönheit… Und ich stimme Dir absolut zu, die wahre Emanzipation ist, sich von den Erwartungen Anderer lösen zu können, vielleicht auch manchmal von den eigenen…
      Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende Stefanie. Viele, liebe Grüße Manuela

  2. Wie schön, von dir zu lesen (und noch schöner, dich in 2 Monaten in echt zu treffen, das nur am Rande). Diese Ausstellung hört sich superinteressant an, ja, die nehme ich unbedingt auf meine Agenda, irgendwie müsste ich es schaffen, bei einem Besuch meiner Mutter einen Schlenker zu machen, es sind ja noch ein paar Monate, über Dior weiß ich sehr wenig. Danke für den Bericht und die Inspiration. LG Anja

    • Manuela

      Ja, wir schreiben uns schon so lange! Ich freue mich auch auf Mai und bin zugegebenermaßen auch etwas aufgeregt…
      Ich fand die Perspektive der Ausstellung interessant, die Zusammenarbeit zwischen Museum und Hochschule. Hoffentlich bist Du nicht enttäuscht, weil es ist nicht gerade eine große Ausstellung… Zum Einstieg in Dior würde ich Dir eher den Film oder das Büchlein empfehlen. Liebe Grüße Manuela

  3. zuallererst: genau sowas braucht die welt gerade!!! möglichst viel davon!

    ich hab – mitte der 90er? – die “ur-ausstellung” gesehen, auch mit den kleidern aus marlene dietrichs berliner koffern….. beeindruckende klamotten!
    und aus heutiger sicht total zeitlos – wobei die original-taillenmasse heute keinem mehr passen würden – nachkriegs-mangelernährung und korselett sind ja längst vergessen ;-D aber dass liesse sich ja leicht verändern.
    sah mal eine arte-doku über dior, mit den ehemaligen mitarbeitern (vertrieb/atelier/werkstatt) und erstmals mit originalzeichnungen aus dem archiv – einfach grandios! dort hätte ich gern die häkchen angenäht oder kaffee gekocht – und wäre der glücklichste mensch auf erden gewesen……..
    das mit dem grauen haar gabs schon im rokkoko – durchs pudern hatten alle (modisch relevanten wesen) graue bis weisse haare, was die menschen auf eine art “alterslos” machte. zum glück hab ich schonmal das edelste accessoire ;-D
    und das mit hochwertig und pflegen und nachhaltig kann ich sowieso unterschreiben.
    und: bitte weiterbloggen! es gibt nur wenige so schlaue und schöne blogs wie den deinen – es wäre ein herber verlust!
    xxxxx

    • Manuela

      Stichwort Mangelernährung, weil Du es erwähnst. Um den Post abzuschließen, habe ich das Büchlein von Dior nochmals geblättert. Es mag der aktuellen Situation geschuldet sein, aber ich fand schon auffällig, bei allem Eskapismus, dem man Dior nachsagt, wie sehr der Krieg zwischen den Zeilen präsent ist, mal abgesehen davon, dass er ihn direkt anspricht, wenn es um die Betonung bestimmter Körperpartien geht…
      Spannender Hinweis auf das Rokkoko, wie unterschiedlich graues/weißes Haar doch besetzt sein kann. Als positives Beispiel war mir nämlich spontan nur “Herr der Ringe” eingefallen, da werden sich die meisten wohl eher mit den Elfen als den Zwergen identifizieren…
      Ich glaube der Film “Dior and I” könnte Dir gefallen, weil man viele Einblicke in die Ateliers erhält; aktuell gibt es übrigens auf Arte eine Doku (“Federn, Falten, Seidenblumen”) zu den Kunsthandwerkern, die den Haute Couture Häusern zuarbeiten.
      https://www.arte.tv/de/videos/101139-006-A/geo-reportage-haute-couture/
      Dank Dir & liebe Grüße
      Manuela

      • danke für den filmtip!! <3 xx
        ps: ich bin eine eeeelfe – hihihiii ;-D
        (hatte die filme nie gesehen, deswegen fiel mir DAS nicht ein)

  4. Dein Post ist mir eine sehr willkommene kleine Auszeit vom Weltgeschehen; man weiß ja momentan gar nicht, wohin mit seinen Gefühlen…
    Was für ein erfreulicher Gedanke, sein graues Haar als edles Accessoire mit sich herumzutragen, : ).
    Herzliche Grüße von Susanne

    • Manuela

      Das geht mir ähnlich. Ich pendle zwischen Ohnmacht, Furcht und Wut…
      Schön zu hören, dass Du durch meinen Text für einen Moment auf andere Gedanken gekommen bist.
      Liebe Grüße Manuela

  5. Vielen Dank für deinen Bericht und deine Gedanken. Ich habe was gelernt und einen guten Einblick bekommen! Kultur finde ich hat immer eine Daseinsberechtigung.
    Liebe Grüße
    Katharina

    • Manuela

      Liebe Katharina, dank Dir für Deine lieben Worte und dass Du Deine Ansicht dazu geteilt hast. Das hilft mir, um einerseits nicht in Sprachlosigkeit zu verfallen, andererseits nicht so zu tun, als ob das alles gerade nicht passiert…
      Herzliche Grüße Manuela

  6. Danke für den Ausstellungstipp! Ich war schon lange nicht mehr in Berlin, vielleicht klappt es ja bis Juni noch. Aber besonders freue ich mich zu lesen, dass wir uns bei Anja in Frankfurt treffen werden, wie schön!
    Liebe Grüße
    Christiane
    PS: ich schaue dann mal das wunderbare Video von Adichie weiter.

    • Manuela

      Oh wie schön!
      Sowohl dass Du in Frankfurt mit dabei bist als auch dass Du dem Link von Adichie gefolgt bist.
      Freu mich Dich kennenzulernen.
      Liebe Grüße Manuela

  7. Liebe Manuela,

    wie schön, mal wieder etwas von Dir zu lesen. Die Ausstellung hatte ich auch auf dem Schirm, und dann, ja und dann wurde alles anders und ich hatte mein Vorhaben schon vergessen. Insofern freue ich mich noch mehr, wieder an Dior erinnert und auch von der aktuellen Lage abgelenkt zu werden.
    Ich bin gespannt auf die Ausstellung, obwohl ich die Räume des Berliner Kunstgewerbemuseum nicht besonders ansprechend finde, zumal für delikate oder exquisite Exponate. Doch habe ich mir auch sogleich antiquarisch das Büchlein von Dior besorgt und freue mich auf den Besuch im Kulturforum. Das Zitat Diors macht mich neugierig. Danke für die Erinnerung!

    Und Dir alles Gute,
    L. (fabricandacuppa)

    • Gern. Und dito: Schön, dass Du dem Bloggen auch noch nicht den Rücken gekehrt hast.
      Ich verstehe sofort, was Du meinst! Eine Schönheit ist dieses Gebirge aus Beton wirklich nicht. Und die Ziegel in der Fassade, die das Wuchtige vertuschen sollen, machen es nicht besser. Es gibt von Gutbrod aber auch ganz andere Bauten, z. B. das ehemalige IBM Gebäude am Ernst Reuter Platz…
      Herzlichen Dank und viel Spaß mit Dior. Liebe Grüße Manuela

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