Wir tasten uns an die Grand Dame heran, haben erste Ideen und schäumen in Energie und Kreativität über. / Stoffberge und Schnittmusterhügel, Schnitte planen und verwerfen. Stoffe schon vorgewaschen? Dieses werde ich nähen, dies und das und jenes auch noch.

Logo Westwood Sew AlongAls ich vor ein paar Wochen die Ankündigung von Claudia (Bunte Kleider) und Sybille (Das Büro für schöne Dinge) für den Vivienne Westwood Sew Along las, dachte ich: „Was für eine großartige Idee! Ein Sew Along zu einer Designerin.“ Und im nächsten Moment: „Warum ausgerechnet Westwood?!“ Mich hatte das, was ich im Juni von ihr in London gesehen habe, ziemlich enttäuscht. So gar nicht Punk, manches in meinen Augen gar hausbacken. Irgendwie ließ mich die Idee aber nicht los. Angeregt durch Sybilles einführendem Post besorgte ich mir ein paar ihrer Buchempfehlungen, klickte mich durch einige FS und HW Kollektionen und sah mir Interviews mit Westwood an … Tja, was soll ich sagen.

Meinung um 180 Grad gedreht, ich bin total begeistert. Und selbst, wie ich eingestehen muss, so gar nicht Punk, zumindest, was das Outfit betrifft. An Viviennes Punk-Zeit gefällt mir eher die Querköpfigkeit als das fertige Produkt: Mode als politisches Statement, Do It Yourself als Konsumkritik, weniger die provokant bedruckten T-Shirts und mit Sicherheitsnadeln zusammengehaltenen Hosen selbst. Stilistisch fühle ich mich Westwood seit Mitte der 80er Jahre näher, als sie sich vom Einfluss ihres Freundes Malcom McLaren emanzipiert hat.

Bezugspunkt ihrer Entwürfe ist dann weniger die Londoner Subkultur als das Establishment, sei es die britische Oberschicht oder die französische Haute-Couture, die sie kräftig parodiert. Ich denke da an Westwoods hautfarbenen, nahtlosen Leggins mit Feigenblatt im Schritt (Yoyage to Cythera: Herbst/Winter-Kollektion 1989/90) oder ihre „Mini Crinis“ (gleichnamige Frühjahr/Sommer-Kollektion 1986), in denen sie so etwas Unvereinbares wie Krinoline und Minirock verschmilzt. Die Mini-Crinis kombiniert sie mit kurzen, stark taillierten Jacken, was an die feminine Silhouette von Dior erinnert, diese aber im selben Moment überzeichnet. Besonders ins Auge springt dies, wenn Sarah Stockbridge (ein’s von Westwoods Lieblingsmodels) sie trägt, die wie die Parodie eines Starlet aus den 50er Jahren aussieht.

Auch wenn mich die Theatralik Westwoodscher Entwürfe anspricht, möchte ich gern etwas Alltagstaugliches produzieren: weniger Verkleidung denn von Westwood inspirierte Kleidung. Mich mit einer Stoff-Krone auf dem Kopf aufs Fahrrad zu schwingen o. ä. traue ich mich einfach nicht – selbst in Berlin. Daher habe ich beschlossen, mich an den weniger extravaganten Eigenheiten ihres Stils abzuschruppen: die Vorliebe für die Sanduhr-Figur, das Wurstpellen-artige Layering (passend zum nasskalten Übergangswetter), Puffärmel und Plateau-Schuhe (ein nicht so halsbrecherisches Modell!), das Drapieren von Stoffbahnen, und natürlich, wie in diesem Sew Along schon oft erwähnt, Tweed und Karo – für mich eher in einer zurückhaltenden Farbpalette.

Bei der Schnittauswahl steht ganz oben auf meiner Liste die Hose Louise aus Valerie Roys Buch Sarouels. Bei dem tief hängenden Hosenboden fiel mir der Kommentar eines Freundes von Westwood ein, der zu den Hosen in ihrer ersten Kollektion (Pirates 1981/82) gesagt haben soll: „Damit hängt mir ja der Arsch bis auf die Knie.“

Dazu dachte ich an ein einfaches Shirt mit Puffärmeln, oder an Shirt Nr. 4 aus Drape Drape II (von Hisako Sato), seit der letzten Staffel der Great British Sewing Bee wahrscheinlich allseits bekannt, darüber den Pulli Pertti von Oki Style. Die Idee, bei diesem Sew Along die Schnitte von Oki Style zu verwenden, hat, glaube ich,  Anje von Machen statt Kaufen aufgebracht.

Falls noch Zeit sein sollte, würde ich gern noch eine Jacke nähen. Hier liebäugele ich mit dem Marmalade-Jacket von Waffle Patterns; und natürlich hätte ich auch gern so wundervoll zum Thema passende Unterwäsche, wie sie  Claudia und Sybille gezeigt haben. Ich würde sie natürlich nicht à la Westwood, sondern ganz konventionell unten drunter tragen.