3/4 Teller & Nettie von Closet Case Patterns

Es ist nicht so, dass ich ernsthaft Stoff diäte. Ich habe die Motto-MMM’s lediglich zum Anlass genommen, meinen Bestand auf Blumen- und Streifendrucke durchzuschauen und ein paar davon zu verarbeiten. Ihr werdet also in nächster Zeit noch öfters Geblümtes und Gestreiftes hier zu sehen bekommen.

Die Inventur hat auch diesen Chiffon (ca. 2,30m) zum Vorschein gebracht, an Tuschzeichnungen von Hibiskusblüten erinnernd, dunkelblau auf hellblauem Grund. Ich habe ihn vor ein paar Jahren als Restcoupon bei Kartstadt gekauft. Mir haben Muster und Farbe gefallen. Keine Ahnung, was ich mit diesem Hauch von Stoff wollte: Er zerfasert beim bloßen Anschauen, fließt in alle Richtungen und droht ständig, in den Transporteur gezogen zu werden. Kurzum, er ist das Biestigste, was mir bisher unter Schere und Nähfuß gekommen ist. In meinen Anfangszeiten habe ich mir wenig Gedanken über die Verarbeitung gemacht, offensichtlich auch nicht über den Tragekomfort: Der Stoff ist voll synthetisch.

Der Rahmen war also gesteckt: Es durfte kein körpernaher Schnitt sein, er sollte möglichst wenig Schnittteile haben … nicht zuletzt, weil ich den transparenten Stoff in doppelter Stofflage verarbeiten müsste. Zum Unterfüttern habe ich einen hautfreundlichen Batist von Hüco verwendet. Irgendwann bin ich auf der Suche nach dem passenden Schnitt bei Tellerröcken gelandet. Eine Rockabella würde sicher zu einem Stoff mit mehr Stand greifen, unter dem sie noch einen Petticoat trägt. Ich wollte den Schwung, nicht aber das Volumen.

Geworden ist es schließlich ein ¾ Teller nach eigenem Schnitt. Schnittkonstruktion war lange kein Thema für mich, bis ich Anfang des Jahres einen entsprechenden Workshop besuchte. Auch wenn ich von dem Workshop enttäuscht war, hat es dennoch gereicht, mich mit dem Thema zu infizieren. Wie wahrscheinlich viele von Euch, muss ich Schnitte ohnehin anpassen.

Zu dem Rock trage ich eine dunkelblaue Nettie, den Bodyschnitt von Closet Case Patterns. Es handelt sich um ein Probeteil aus einem günstigen Jersey vom Maybachufer, der für den Schnitt nicht elastisch genug ist. Man kann bei Nettie verschiedene Ausschnittvarianten vorn und hinten wählen. Ich trage die Version mit dem mittleren Rückenausschnitt, an der Vorderseite hoch geschlossen. Selbstredend lassen sich die Ärmellängen variieren, nicht zuletzt kann man Nettie auch als eng anliegendes Kleid nähen, was aber nicht meins ist.

Größe, Passform & Änderungen

Innerhalb der Nähcommunity gibt es, was das Thema Schnittkonstruktion betrifft, wahre Virtuosinnen. Im Vergleich dazu stecke ich wirklich in den Kinderschuhen! In dem Workshop hatte ich einen Rockgrundschnitt konstruiert, weil es wohl DAS Anfängerprojekt sei. Ein Tellerrock ist noch einfacher, man kann meiner Meinung nach auch damit beginnen.

Der Rock sitzt in der Taille wie angegossen, und genau das ist das Problem. Jahrelang haben diverse Yoga-LehrerInnen sich bemüht, mich dazu zu bringen, die flache Atmung dauergestresster Großstädter zu überwinden und „raumgreifend“ ein- und ausatmen. Raumgreifend ist hier einzig der Rocksaum. Tilly Wallnes meint in Liebe auf den ersten Stich zur

 

 

Taille – 2,5-4 cm [Mehrweite] sind ausreichend, wenn der Bewegungsspielraum nicht allzu sehr eingeschränkt werden soll – und Sie sich noch ein Dessert genehmigen möchten. (S. 75)

Was isst sie zum Dessert? Mein Rockbund hat 3,5 cm Mehrweite zu meiner Taille … Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mit Hüfthosen aufgewachsen bin? Leider konnte ich die Bundweite nicht mehr korrigieren und mir Spiel aus den Nahtzugaben holen – die hatte ich wegen des beharrlichen Zerfalls des Chiffons schon gekettelt.

Mehr als ein Body hat in diesem Rockbund keinen Platz. Genäht habe ich Nettie in Gr. 10. Den Rückausschnitt werde ich beim nächsten Mal, wie im Sew Along beschrieben, verschmälern, da die BH-Träger z. T. hervor blitzen. Des Weiteren werde ich den Schnitt an den entsprechenden Markierungen verlängern. Das Probeteil ist zu kurz – ich trage es hier ungeschlossen. Wie so oft habe ich unter dem Arm Beugefalten, vielleicht sollte ich mich damit abfinden, dass bereits Körbchengröße C eine FBA erforderlich macht.

Anleitung & Schwierigkeitsgrad

Die Anleitung von Closet Case Patterns ist wie bei den anderen Schnitten, die ich bisher von dem Label genäht habe, einfach großartig. Es gibt auch wieder einen Sew Along auf dem hauseigenen Blog. Na, ja, es ist kein Geheimnis, dass ich die Arbeit von Heather Lou schätze. Mithilfe der Anleitung hätte man übrigens auch im Vorfeld testen können, ob die Elastizität des Jerseys ausreicht.

Nur der Vollständigkeit halber: Den 3/4 Teller habe ich nach dieser Anleitung konstruiert. Anleitungen für Tellerröcke gibt es aber wie Sand am Meer.

Was gefällt, was nicht? Nochmals nähen? Weiterempfehlen?

Nettie hat auch für mich das Potential, im Alltag gern und viel getragen zu werden. Weitere sind in Planung.

Der ¾ Teller war ein Experiment, zu meiner Überraschung gefällt mir der Rock an mir besser, als ich erwartete habe. Ich dachte nicht, dass das meine Silhouette ist. Vielleicht weil er aus einem fließenden Stoff ist und nicht so voluminös daherkommt. Sicherlich werde ich bei Gelegenheit noch einen ¾ und ½ Teller nähen. Im Bund würde ich allerdings mehr Weite hinzugeben, auch wenn der Rock dann unterhalb der Taille sitzt; das würde mir sogar entgegen kommen.

Was mache ich nun mit diesem Exemplar? Aller Voraussicht nach weder bei einem Drei-Gänge-Menü noch im Büro vorm PC tragen. Zwei Kilo abspecken? Nicht realistisch. Ich dachte, Tango tanzen. Der Rockbund hält mich wunderbar in der Achse. Wer sich jetzt vorstellt, H. und ich schreiten in zackigen Schritten übers Parkett, drehen ruckartig unsere Köpfe, er eine Rose zwischen den Zähnen, ich in Samt und Spitze, den muss ich enttäuschen: Argentinischer Tango, wie z. B. hier zur Meisterschaft gebracht, sieht anders aus.

Den heutigen Abend verbringe ich indes auf dem Sofa bei meinem Lieblingslaufsteg, dem MMM. In Jogginghose.

 

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9 Kommentare

  1. Ein wunderbarer Post und ein ganz bezaubernder Rock! Es ist wohl tatsächlich eine Frage der Gewöhungung wieviel Bequemlichkeitszugabe man in der Taillie braucht. Mir reichen 3 cm aus, das ist mir zuweilen schon zu viel, Es ergibt sich aber auch viel aus dem SToff, mache SToffe geben einfach gar nicht nach, da braucht es etwas mehr Luft. Dein Outfit jedenfalls sieht sehr chic aus. Schneide den Body ab und mach ein Shirt draus, dann wirst Du ihn öfter anziehen, vermute ich. Wenn Du das Shirt kürzt, kannst Du es auch über dem Rock tragen und das Bund-Thema ist weniger sichtbar 😉 Insgesamt finde ich die Farb- und Linienführung jedenfalls sehr sehr ansprechend. LG Kuestensocke

  2. Der Stoff sieht viel besser aus als du ihn beschreibst. Ich finde der rock macht richtig was her… Vielen dank für deine ausführliche Beschreibung! Lg Sarah

  3. Toller Rock. Ehrlich gesagt habe ich noch die darüber nachgedacht, wieviel Spielraum ich in der Taille benötige, gehe aber davon aus, dass ich mit weniger als 4 cm locker hinkomme. Zur Not wird der Knopf geöffnet. LG Carola

  4. Dodosbeads

    Ich mag Deinen Schreibstil sehr. Und natürlich die genähten Sachen!! Tango tanzen mit diesem Rock stelle ich mir sehr stilvoll vor. Zusammen mit dem Oberteil sieht das klasse aus, und ich schliesse mich Küstensockes Rat an, aus dem Body einfach ein Shirt zu machen. Ich habe auch erst nach längerer Zeit begriffen, dass mein Oberkörper wohl länger ist als die „Norm“, und dass deshalb Bodies komisch sitzen und manche Oberteile zwischen Busen und Taille enden 😉
    LG Dodo

  5. Der Rock ist ganz zauberhaft. Steht dir gut! Ich denke, das ist eine Frage der Gewöhnung, wie eng man den Bund an der Taille mag. LG Christa

  6. Was für ein schönes Outfit! Ich liebe das Tragegefühl von Tellerröcken, lustigerweise auch das Gefühl von Beschränkung/Halt In der Taille. Aber das ist wohl wirklich Gewöhnungssache Gut siehst du aus! LG, Zuzsa

  7. Beide Teile stehen dir ausgezeichnet und sind sowohl vom Schnitt als auch von der Farbzusammenstellung genau nach meinem Geschmack.
    Toll, dass du so ausführlich den Entstehungsprozeß beschrieben hast. Sowas lese ich sehr gerne und die Bilder sind auch sehr gelungen.
    Schönen Tag für dich,
    Astrid

  8. Der Rock sieht fabelhaft aus und motiviert ungemein mal das eine Chiffon kleid das ich ewig vor mir herschiebe anzugehen. Bei mir haben Rockbünde kaum Mehrweite bzw zwei Finger müssen Platz haben und dann passt es.
    Lg Sabine

  9. Sieht wirklich schön aus deine Kombi, schade dass es damit Pasdfornprobleme gibt, aber hört sich auch an, als hättst du Spaß gehabt und was gelernt! Ich denke die Bequemlichkeitszugabe an der Taille bezieht sich auf das gemittelte Maß zwischen Taille ohne atmen und Taille voll eingeatmet. Zumindest beim korrekten Ausmessen für nen BH mittelt man da immer. Und ich denke dann könnte das passen 🙂 Das mit dem FBA denke ich auch und Nettie hat mir auch bis heute nicht richtig gepasst, ist einfach zu eng der Schnitt für mich und das schränkt die Stoffwahl so krass ein. Ich hoffe also du berichtest über weitere Versuche 🙂
    Liebe Grüße
    Katharina

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