“SIBYLLE. Fotografien eines Modemagazins” Ausstellungstipp

An Neujahr hatten H. und ich uns auf den Weg nach Cottbus gemacht, um die Ausstellung SIBYLLE. Fotografien eines Modemagazins anzuschauen. „Die Sibylle, das war die Abwesenheit des Kittelkleides“, wie es in einem Leserbrief heißt. Diejenige, die ihn schrieb, lese nun keine Frauenzeitschriften mehr, weil sie sich für Diäten nicht begeistern könne…

Die Zeitschrift erschien von 1956 bis 1995 sechsmal jährlich im Verlag für die Frau in Leipzig (am Ende im Selbstverlag). Ihren Namen verdankt sie der Mitbegründerin Sibylle Boden-Gerstner, die ihren Vornamen in den Dummy eingesetzt hatte. Die Malerin und Kostümbildnerin war bis 1958 stellvertretende Chefredakteurin, bevor sie abgesetzt wurde, weil ihr Stil als zu französisch galt. Vorrangig eine Modezeitschrift enthielt die Sibylle u. a. Beiträge über Architektur, Theater und Literatur sowie zeitweise in jeder Ausgabe einen Schnittmusterbogen. Die Macher der Sibylle, vorwiegend DesignerInnen und FotografInnen, wollten Stil als bohemehaften Lifestyle verstanden wissen. Mitte der 1990er Jahre wurde die Zeitschrift aus ökonomischem Druck eingestellt, wobei sie sich nach der Wende in den alten Bundesländern besser verkauft hatte als in den neuen.

Die Popularität der Sybille (sie war zu Zeiten der DDR ständig vergriffen, ein Abo konnte man quasi nur erben) geht wesentlich auf die FotografInnen zurück, die die Modestrecken fotografierten. 13 von ihnen sind momentan mit über 200 s/w-Aufnahmen aus drei Jahrzehnten in der Ausstellung SIBYLLE. Fotografien eines Modemagazin zu sehen. Gemeinsam ist ihnen die Abkehr von einer Modefotografie, die Kleidung ins rechte Licht rückt. Im Gegenteil, auf vielen Aufnahmen wirken die Kleider nebensächlich – sind nur mehr Vehikel für Bilder, die mehr beanspruchen zu sein als Fotografien von Mode: beginnend mit Arno Fischers Großstadt-Impressionen, der Bildstrategien der Sozialreportage auf die Modefotografie übertrug oder Sibylle Bergemanns einfühlsame Porträts, wie das der jungen Katharina Thalbach im Café, bis hin zu Sven Marquardts theatralen Inszenierungen in heruntergekommenen Treppenhäusern, womit man bei der Berliner Sub- und Clubkultur angelangt ist.

Lange Zeit hat die Modefotografie den schönen Schein gewahrt, und tut es in der Regel auch heute noch. In den Modestrecken der Sibylle-FotografInnen bricht schon früh das Reale ein. Wenn die Models vor rauchenden Schornsteinen, Plattenbausiedlungen oder bröckelnden Hinterhofmauern posieren, ist mehr vom Alltag im real existierenden Sozialismus zu sehen, als man es hätte in einer Reportage zeigen können. Dass die Zeitschrift von der Zensur weitgehend unbehelligt blieb, lag am Thema. Modefotografie wurde von den Behörden in der DDR als oberflächlich und banal abgetan. Viele der Sibylle-Fotos, ob nun unfreiwillig oder gewollt, sind daher kritische Zeitzeugnisse, zusätzlich gefördert durch Fischers sozialdokumentarischen Stil, der in den 1960er Jahren die Modefotografie auf die Straßen holte.

Die Überblicksschau in Cottbus zeigt, wie sich Mode, Fotografie und Layout der Sibylle über drei Jahrzehnte wandelte mit Fokus auf den FotografInnen der Zeitschrift. Informationstafeln im Foyer geben einen Überblick über die Entwicklung der Sibylle von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende vor dem Hintergrund sich wandelnder politischer und sozialer Realitäten. Sie schaffen so den Rahmen für die Fotos in der Ausstellung im ersten Stock, die aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst, hinter Glas mit Passepartout und Rahmen präsentiert werden (bis auf einige von Marquardt).

 

 

 

 

 

 

 

 

Und genau diese räumliche Trennung zwischen Bild und Text finde ich hier gelungen und problematisch zugleich: Einerseits wird so die Aufmerksamkeit auf die formalen Qualitäten der Aufnahmen gelenkt; andererseits lassen die Texte, sei es die Einführung im Foyer oder der Katalog zur Ausstellung, ein Verortung der Sybille-FotografInnen innerhalb der Geschichte der Modefotografie weitgehend vermissen. Mit dem Blick über den Tellerrand hätte sich der Kunstanspruch der Sibylle-Fotos nicht nur behaupten, sondern auch begründen lassen. Auch hätte man die Feststellung, dass es die in der Sibylle abgelichtete Mode nicht zu kaufen gab (im Wesentlichen ein Mix aus DIY und der Marke Exquisit), in einen sinnvollen Zusammenhang stellen können. Zwar mögen die in der Vogue beworbenen Produkte im Handel sein, aber nur ein begrenzter Kreis dürfte in der Lage sein, sie zu erwerben; auch bei der Vogue wird weniger das Designerstück als die Ablichtung davon konsumiert.

In der Modefotografie gibt es grundsätzlich einen Konflikt zwischen Kunst und Kommerz. Ihre Aufgabe ist es ein Kleid in Szene zu setzen, damit es sich besser verkauft, gleichzeitig wollen Fotografen Bilder schaffen, die in Erinnerung bleiben. Ikonen, nicht selten mit Kunstanspruch. Welchen Einfluss hat die Freiheit von kommerziellen Zwecken auf die „Sibylle-typische“ Ästhetik gehabt? Auch bringt Modefotografie immer auch ein Bild von Frau hervor, formt und spiegelt sie zeitgenössische Vorstellungen von Weiblichkeit. Bei der Sibylle standen sich nicht nur männlicher Fotograf und weibliches Model gegenüber, sondern Fotografinnen wie Bergemann und Ute Mahler haben den fotografischen Stil der Zeitschrift entscheidend geprägt. Es gibt in den Texten zur Ausstellung nur wenige Bezugnahmen auf internationale Entwicklungen, was verwundert. Denn Fischers und Bergemanns Wohnung am Schiffbauerdamm war einst ein wichtiger Treffpunkt, wo auch Fotografen wie Henri Cartier-Bresson und Helmut Newton vorbeigeschaut haben.

Was ich beim Gang durch die Ausstellung zauberhaft fand, dass viele der Aufnahmen der Zeit entrückt wirken; abgesehen davon, das s/w-Fotos auf mich immer einen melancholischen Charme ausüben, hat mich beim Lesen der die Ausstellung begleitenden Texte irritiert – die isolierte Sicht, die dazu führt, dass die FotografInnen der Sibylle nach wie vor aus der (Kunst-)Geschichte fallen.

Dennoch kann ich die Ausstellung allen empfehlen, die keinen Stapel Sibylle-Hefte auf dem Dachboden haben und sich für das Verhältnis von Mode und Fotografie, alternative Zeitschriften und Architektur interessieren. Nur am Rande bemerkt, der Museumsbau – ein ehemaliges Dieselkraftwerk zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit ist ein ziemlicher Hingucker.

Die Ausstellung ist noch bis zum 11.02.2018 im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus zu sehen.

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17 Kommentare

  1. Sehr schön beschrieben, das dürfte die Ausstellung sein, die in Rüsselsheim in den Opelvillen zu sehen war – und die ich leider leider nicht gesehen habe, weil zeitgleich soviel anderes Interessantes war, dass mir Rüsselsheim zu weit war, jetzt ärgere ich mich doch ein wenig. LG Anja

    • Manuela

      Herzlichen Dank, Anja. Ja, das ist sie. Cottbus ist nach Rüsselsheim und Rostock die dritte Station der Ausstellung. Liebe Grüße, Manuela

  2. Sehr schöne Ausstellungsbesprechung, der ich zustimmen möchte. Ich habe diese Schau im vergangen Februar im Rostock gesehen. Daraufhin habe ich meine zwei Handvoll Sibylle-Zeitschriften noch mal ganz im Ruhe durchgeblättert – mit einem neuen Blick vor allem für die Fotokompositionen.
    Liebe Grüße von Ina

    • Manuela

      Dankeschön! Um Deine zwei Handvoll Sibylle-Zeitschriften beneide ich Dich ja … Liebe Grüße Manuela

  3. Tolle Rezension! Ich muss da dringend hin. Dass der Hintergrund mit Sibylle Bergemanns und Arno Fischers offenem Fotosalon am Schiffbauerdamm (so nenne ich das jetzt) nicht thematisiert wird, ist allerdings ein echtes Versäumnis,
    Danke für den Text und die Bilder.

    • Manuela

      Wenn jemand beim Lesen für sich zu dem Schluss kommt, dass er da dringend hin muss, ist das wohl einer der schönsten Komplimente, die man für eine Rezension bekommen kann. Vielen Dank!

      • Zu diesem Schluss (ich muss da dringend hin…) bin ich auch gerade gekommen. Schade, dass die Fotografien und FotografInnen in der Ausstellung so relativ isoliert betrachtet werden. Mir fällt das bei Ausstellungen zu Themen, bei denen ich mich gut auskenne, auch oft auf – als wollte man den Besuchern nicht so viel Komplexität zumuten.

        • Manuela

          Oh, danke! Das freut mich wirklich zu hören!
          Zu Deinem Erklärungsangebot: Mir will sich partout nicht erschließen, aus welcher Angst heraus?
          Wenn noch mehr von Berlin nach Cottbus fahren wollen, ist das vielleicht der Anfang einer Fahrgemeinschaft …
          Liebe Grüße, Manuela

  4. Danke für die ausführliche Rezension! Das klingt wirklich spannend und so als hätten sich Frauenzeitschriften in den letzten Jahrzehnten nicht zum besseren entwickelt.
    Liebe Grüße
    Katharina

    • Manuela

      Gern, Katharina. Fairerweise muss man sagen, die Sibylle war und wäre auch heute ein absolutes Nischenprodukt; und sicherlich gibt es auch heute Gegenentwürfe zu diesem Gemisch aus Kuchenrezept, Übungen für den flachen Bauch, den neusten Must-have und Ratgeber für besseren Sex – nicht zu vergessen mehr Selbstakzeptanz, das von den gängigen Frauenzeitschriften immer wieder neu aufgelegt wird. Spontan fallen mir das Missy Magazine und Libertine ein … Viele, liebe Grüße, Manuela

  5. Es ist wohl mal wieder Zeit, höchste Zeit sogar, Cottbus einen Besuch abzustatten. Bis zum Ende der Ausstellung am 11. Februar müsste das doch zu schaffen sein. Vielen Dank für den Tip und die aussagekräftige Besprechung der Ausstellung.

  6. Toller und kritischer Text.
    Die Austellung, da nicht wirklich in der Nähe, werde ich sicher nicht besuchen. Aber dafür kann ich meine vor sich hin staubenden Sibylle Magazine wieder mal hervorholen. Und mal richtig studieren und nicht nur so nebenbei zack zack durchblättern. Eine Fotostrecke in einem Orchestergraben ist mir aber in Erinnerung geblieben, die teils auch in Farbe war.

    Muss ich mal meinen Vater, der ja alt genug wäre und Fotograf ist, fragen inwieweit er einen Bezug zu der Zeitschrift hat.
    lg Sabine

    • Manuela

      Dankeschön!
      Ja, von der Schweiz (wenn ich mich hoffentlich richtig erinnere) wäre es tatsächlich etwas weit. Vielleicht war es missverständlich, in der Sibylle gab es auch farbige Modestrecken, die Fotos in der Ausstellung waren nur alle Schwarzweiß.

      In Deiner Zeitschriften-Sammlung würde ich wirklich gern mal schmökern, die scheint ja riesig zu sein!!! Liebe Grüße, Manuela

      • Schweiz das stimmt.

        Das mit dem reinem Schwarz weiß während der Ausstellung war vermutlich eine bewusste Entscheidung des Kurators, da sich ohne sich konkurrenzierende Farben sich die Photographien sicher besser kombinieren liessen. Und das Schwarz weiß hat ja seine eigene ganz andere Ästhetik als Farbe.

        Und ja meine Sammlung ist ziemlich üppig. Von 1910 bis gegenwärtig habe ich Schnitte, vermutlich 3/4 Burda, eine Schachtel Einzelschnittmuster, ein Stapel neue Mode, ein Stapel Sibylle, Pramo, Neuer Schnitt etc. Aufbewahrt in Schubern (35+) in einem Billy Regal und wo sonst noch Platz ist. Fazit sehr viel (keine Ahnung wie viele Hefte im Detail) und ich hatte auch schon Besuch nur zum Schnittmusterstöbern und da war meist eine gewisse Überforderung zu erkennen.
        Lg Sabine

        • Manuela

          Wow! Das kann ich mir bestens vorstellen.
          Angesichts dieser Auswahl kann ich mich wohl noch auf unzählige tolle (Vintage-)Schnittmusterbesprechungen von Dir freuen. LG, Manuela

  7. ein schöner (und langer) Post, vielen Dank dafür. Ich habe die Ausstellung in Rostock gesehen. Sie hat mir gefallen. Jedoch war ich unentschieden, ob ich gern mehr Text gehabt hätte oder weniger und dafür ein Konzept, das alles irgendwie in den Zusammenhang bringt. Dieser Zusammenhang hat mir irgendwie gefehlt. Nun ja vielleicht will heute kein Kurator dem Besucher seine Sicht der Dinge “aufzwingen” – aber diese unentschlossenheit bei vielen Ausstellungen finde ich schon schade. Was mir hingegen sehr gut gefällt ist der Eindruck von dem Museum in Cottbus – da haben die Bilder Luft und Licht, kommt klasse rüber. LG Kuestensocke

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