Einheits-Look oder zweckmäßig & unaufgeregt?

Früher diente die Stadt als Bühne, auf der man mit seiner Kleidung ein Statement setzte. Heute ist diese modische Selbstinszenierung nur noch im Internet zu finden, auf der Straße herrscht langweilige Neutralität.

In dieser Absolutheit würde ich das sicher nicht unterschreiben. Aber ein wenig fühlte ich mich schon von Ingeborg Harms ertappt („Mode in der Stadt. Angst ist ein schlechter Stylist“, Zeitmagazin Nr. 7/2017), als ich mich fragte, ob ich dieses Outfit verbloggen soll. Der Grund. Zu unspektakulär.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unauffällig und durchschnittlich sei die vorherrschende Mode in Metropolen wie Berlin, eben Normcore. Harms ist der Meinung, dass

der Weg zu sozialem Austausch nicht länger über die Straße [führt]. Zur Post oder zum Supermarkt ist man inkognito unterwegs und möchte als physische Restgröße seiner medialen Existenz nicht behelligt werden.

Meine physische Restgröße hat in den letzten Wochen hauptsächlich für seine Koffer genäht. Genau genommen war es ein Rucksack, den ich Anfang Juli gepackt habe. H. und ich sind den Dolomiten-Höhenweg Nr. 1 vom Pragser Wildsee zur Civetta-Gruppe gelaufen, weshalb der Rucksack nicht zu schwer werden durfte – die knapp 100 km über die südlichen Alpen sollten schließlich nicht zur Tortur werden. Für die Berghütten brauchte ich noch eine legere Hose, mit der ich mich sowohl im Gastraum angezogen fühlen als auch die Nächte im Matratzen-Lager überstehen würde …

 

 

 

 

 

 

 

Schnitt & Stoff

Selbst bei mir ist angekommen, dass Jogginghosen inzwischen salonfähig bzw. straßentauglich sind. Zuhause finde ich sie auch ungemein bequem, nur stelle ich meine Bequemlichkeit nicht gern öffentlich zur Schau. So bin ich recht schnell bei einem Hosenschnitt für Webstoff gelandet. Lamise von pattydoo ist eine auf der Hüfte sitzende Bundfaltenhose mit Gummizug und Hüftpassentaschen; mit Jenna gibt es übrigens auch eine Version für elastische Stoffe. Meine Hose ist aus einem leichten Chambray, den ich vor ein paar Jahren bei Hüco gekauft habe.

Dazu trage ich ein Kimono Tee aus einem blau-beige gestreiften Baumwoll-Jersey vom Maybachufer. Zu dem Freebook von Maria Denmark (in den Größen XS-XL erhältlich) ist nicht viel mehr zu sagen. Verschiedenste Interpretationen des Schnittes kann man bei Fredi von Seemannsgarn bewundern, die 2015 eine Kimono-Tee-Party veranstaltet hat. Ich habe den Schnitt für mich neu entdeckt – nicht zuletzt weil ich auf der Suche nach einem Shirt mit geringem Stoffverbrauch war (0,75 m bei 1,40 m Breite).

Ich bin wirklich kein Materialsnob, aber bei mehrtägigen Trekkingtouren setzte ich auf Merino-Jersey, wo der Preis gern mal bei über 30 €/m liegt. Was Gewicht, Packmaß und Trockengeschwindigkeit betrifft, halten synthetische Stoffe locker mit, wenn sie nicht sogar bessere Werte haben, aber in punkto Hautfreundlichkeit und Geruchsneutralität hat sich Merino bei längeren Touren in der Vergangenheit für mich als unschlagbar erwiesen.

Größe, Passform & Änderungen

Genäht habe ich Lamise in Gr. 40, jedoch an den Seitennähten sowie in der vorderen und hinteren Mitte in Gänze wieder 4 cm herausgenommen. Da der Chambray nicht so weich fällt wie z. B. Viskose, sah mir das Ergebnis zuerst nach überdimensionierter Windelhose aus. Mit dem Zusammenspiel von Weite und Material muss man bei dem Schnitt etwas experimentieren: einerseits soll die Hose ja noch über den Hintern gehen, andererseits sieht zuviel Stoff um die Hüfte bei einer Karottenhose, die zudem Bundfalten hat, schnell alles andere als lässig aus. Das Kimono Tee, das ich trage, ist Größe M – es passt ausgezeichnet. Allerdings ist ein Shirt mit angeschnittenen Ärmeln, das nur aus zwei Schnittteilen besteht, auch nicht besonders passformsensibel.

Anleitung & Schwierigkeitsgrad

Da die Hose weder Knöpfe noch einen Reißverschluss hat, ist Lamise schnell und einfach genäht. Es gibt auch wieder eine Videoanleitung dazu, die allerdings die Verarbeitung der elastischen Version zeigt. Den Bund habe ich entgegen der Anleitung erst rechst auf rechts angenäht und dann im Nahtschatten fest gesteppt. Auch das Kimono Tee stellt keine besondere Herausforderung dar. Was ich hier neben den Naht- und Saumzugaben vermisst habe, sind vor allem die Passzeichen. Ich finde solche „Lesezeichen“ in Schnittmustern sehr hilfreich – aber wer will schon an einem FreeBook herumnörgeln … Dafür gibt es auf der Seite von Maria Denmark ein Tutorial, wie man die angeschnittenen Ärmel des Kimono Tee verlängert.

Was gefällt, was nicht? Nochmals nähen? Weiterempfehlen?

Für den Dolomiten-Höhenweg habe ich mir noch zwei kurzärmelige Kimono Tee aus Merino genäht. Das hier ist nur die Probeversion gewesen – ich wollte wissen, ob mir der Schnitt noch gefällt. Die Antwort ist: JA. Auch Lamise mag ich im Augenblick ausgesprochen gern, besonders knöchelhoch gekrempelt. Nicht, dass ich zehn weitere davon bräuchte, aber eine aus einem fließenderen Stoff hat sicherlich, wenn auch nicht mehr Rucksack, so doch im Kleiderschrank noch Platz.

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2 Kommentare

  1. Das klingt nach einer tollen Tour! Die würde ich auch gerne machen! Klar ist aber, dass man dabei nicht stylish aussieht, da zählen andere Dinge mehr. Ich finde aber dafür dass das ein praktisches Outfit ist sieht das schon individuell aus! Gefällt mir auf jeden Fall 🙂
    Zu dem Thema langweilige Klamotten in den Innenstädten habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Schade, dass nicht alle bunter und individueller gekleidet sind, dann hätte man mehr zu gucken 🙂
    Liebe Grüße
    Katharina

    • Manuela

      Dankeschön!
      Ja, kann ich mir gut vorstellen, dass so eine Tour auch etwas für Dich ist, nicht zuletzt weil sich durch den MYOG-Trend im Vorfeld nochmals ganz neue Felder des Selbernähens/Selbermachens erschließen – geht in die Richtung Deiner Bliss-Tasche … Jetzt brauche ich aber erst einmal ein stylisheres Projekt. Liebe Grüße, Manuela

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