Brit Chic oder French Style? Modell 102 Burdastyle 12/2016

Ich war in Venedig. Und Venedig kann Anfang März ziemlich kalt sein; gar nicht so sehr von den Temperaturen, doch die feuchte Luft kriecht überall hin. Da Venezianer laut des Reiseführers Wert auf elegante Kleidung legen, war die Funktionsjacke keine Option für mich – vielmehr schien der Trip eine passende Gelegenheit, den thermischen Tragekomfort meines neuen Mantels zu testen. Letzen Endes kam ich mir etwas „overdressed“ zwischen all den Venezianern (in den 20ern und 30ern) vor, die neben der obligatorischen Sonnenbrille (wohlgemerkt, bei jeder Wetterlage!) haufenweise in Jogginghosen und Daunenjacke unterwegs waren …

Was bekommt man?

Einen Schnitt für einen knielangen, tailliert geschnittenen Doppelreiher mit Prinzessnähten, Raglanärmeln und Stehkragen; als Schnittvariation wird ein Blazer (Mod. 101) angeboten. Präsentiert wird der Mantel (Mod. 102, Burdastyle 12/2016) unter der Aufmachung „Cool Britannia“ – offensichtlich weil die Version im Heft aus Karostoff ist. Zu meiner Ausführung meinte H. indes: „Sieht irgendwie französisch aus.“ Nun ja?! Liegt dann wohl am bretonischen Blau.

Schnittmusterhersteller/Label

Dem allgemeinen Tenor, dass sich die Zeitschrift seit dem Weggang der Chefredakteurin Dagmar Bily verschlechtere, kann ich nur bedingt zustimmen; ungeachtet dessen, dass ich es schon seltsam finde, wenn ein Verlag den Posten der Chefredakteurin einfach so streicht. Es sind tatsächlich weniger Schnitte pro Heft geworden – aber unbedingt schlechter? Nein. Auch vorher haben mir nie alle Modelle gefallen. Manchmal war auch gar nichts dabei, weshalb sich für mich der Abschluss eines Abos auch nicht lohnt (leider, muss ich sagen, mag ich doch das Format Schnittmusterzeitschrift). Umso mehr Respekt habe ich vor Sandra von Zufall, wenn’s klappt, die sich vorgenommen hat, jeden Monat einen Schnitt aus der Burda zu nähen.

Material

Schurrwollmischung in Marine von Hüco. Mein Lieblingsfutter Venezia, ebenfalls in Dunkelblau und den Filz für die Schulterpolster habe ich bei Karstadt gekauft. Garn und Bügelvlies bei Yavas (dieses Mal die richtige Gewebeeinlage, die die Belege und Vorderteile nicht so steif macht; anders als bei meinem Trenchcoat, der gefühlt auch ohne mich steht). Die Druckknöpfe habe ich mir im Nähkontor gegönnt – für mich das Knopfparadies. Allerdings habe ich mir, was das Annähen betrifft, damit keinen Gefallen getan.

Mir gefiel der cleane Look der Vorderfront, nachdem ich den Mantel zusammengesetzt hatte; ich wollte ihn nicht durch Paspelknopflöcher zerstören; zugegeben ich habe mich auch ein wenig davor gedrückt. Gekauft habe ich sechs Knöpfe, jeder besteht aus zwei Teilen und hat wiederum zwölf Löcher, durch die man die Knöpfe per Hand annäht. Macht: 6 x 2 x 12 = 144. Als ich eine Seite nochmals abtrennen musste, weil ich mich vermessen habe, war ich schon den Tränen nahe.

In der Taille habe ich ärgerlicherweise einen Nahtversatz produziert. Wie auch immer? Es bleibt nun so. Basta.

Größenwahl, Passform & Änderungen

Genäht habe ich den Mantel in Gr. 40. Verlängert um zwei Zentimeter, sodass er meine Röcke bedeckt. Eine Kollegin bemerkte zwar süffisant: „Aber Du ziehst doch nie welche an!“ Ich besitze wirklich welche, bisher scheiterte es nur an der passenden Jacke. Wie so oft: Hohlkreuzanpassung. In den Schultern habe ich mich nach der Probeversion schließlich für Gr. 42 entschieden und unter den Ärmelausschnitten wieder verkleinert. Denn ich konnte im Nesselmodell die Arme nicht nach vorne in die Waagerechte heben, als ich die Ärmellänge prüfte. Ich wusste nicht, wie ich die Raglanärmel sonst hätte anpassen sollen.

Anleitung & Schwierigkeitsgrad

Die Anleitungen der Burda. Tja, was soll man dazu sagen? Absolut nichts für Anfänger. Man muss wissen, was man tut und nicht auf Unterstützung angewiesen sein.

H. hatte allerdings eine spitzen Idee: Er meinte, dass sich das Burda-Steno vielleicht erklärt, wenn man das Nähbuch der Zeitschrift daneben legt. Keine große Investition, insofern sich Nähen leicht gemacht gebraucht auftreiben ließ. Und unter S wie Schulterpolster habe ich zudem eine wunderbare Anleitung für Raglanpolster gefunden. Mir haben die im Handel erhältlichen Polster nicht zugesagt: zu dick und kurz. Der Mantel braucht meiner Meinung aber welche.

Was gefällt, was nicht? Weiterempfehlen? Nochmals nähen?

Vor allem der Nahtversatz in der Taille ist mir ein Dorn im Auge. An der Vorderseite staucht der Saum leicht, und beim Blick auf die Fotos wird mir klar, dass mir eine kürzere Mantellänge zu Hosen besser gefallen würde … Ansonsten bin ich recht zufrieden und trage den Mantel seit seiner Fertigstellung oft und gern. Kurzum, der Schnitt funktioniert. Ich war unsicher, weil lange niemand auf der russischen Seite der Burda (für mich immer ein guter Indikator, ob ein Schnitt taugt) den Mantel genäht hatte. Meine Befürchtung: Klingonen-Schultern.

Bei irgendeiner Bloggerin (Leider finde ich nicht mehr, bei wem?) habe ich mal gelesen, dass man nicht genug Mäntel haben kann. Insofern kann ich mir durchaus noch eine karierte Version vorstellen, oder beim nächsten Mal doch eine Kabanjacke für Hosen? Mäntel nähen macht wirklich Spaß, wenn es nur nicht so lange dauern würde. Falls im Herbst wieder ein entsprechender Sew Along auf dem MeMadeMittwoch stattfindet, bin ich dabei!

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2 Kommentare

  1. Toller Mantel … und so schöne Bilder, da komme ich gleich ins Träumen. Ich mag die Schnittführung des Mantels sehr, vor allem im Rücken und die Raglanschultern sind mal was anderes als man sonst so sieht. Lg, Zuzsa

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